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Ein Buch voll von Ironie, Einfallsreichtum und abgründigem Witz

Schon von alters her ist die fantastische Stadt Ambra gefährdet. Die unheimliche, zerstörende Macht der Pilze und Grauhüte droht sie zu überwuchern und zu verschlingen. Ganz allein steigt der Historiker Duncan Shriek wieder und wieder hinab in die stille Welt der schillernden Farben und absonderlichen Gestalten. Wird er dem betörenden Sog der Pilze erliegen?

Im Hinterzimmer eines düsteren Lokals in der Dschungelstadt Ambra sitzt eine einsame Frau über eine Schreibmaschine gebeugt. Der Raum ist in ein seltsames Licht getaucht, die Wände sind von einem giftgrünen Pilzbewuchs bedeckt. Janice Shriek ist dabei, die Lebensgeschichte ihres Bruders Duncan zu erzählen.

Während die unberechenbaren Grauhüte und Pilzsporen ihr gefährliches Spiel mit Duncan und Janice treiben, entsammt zwischen den beiden größten Verlagshäusern der Stadt ein ebenso skurriler wie irrsinniger Krieg, der seinen Höhepunkt in einer dramatischen Opernaufführung findet: Fassungslos erleben die Zuschauer ein Blutbad - erst auf der Bühne und dann im Saal.

Jeff VanderMeers Geschichte aus der Stadt Ambra schäumt über von überraschenden Einfällen und abgründigem Witz. »Shriek« entführt seine Leser in eine fantastische Welt, die unserer Wirklichkeit bedrohlich nahekommt.

Jeff VanderMeers wurde bereits mehrfach ausgezeichnet mit dem World Fantasy Award.

Leseprobe
1
»Kein Mann und keine Frau soll'n sagen können ,
sie hätten mich erzürnt und lebten weiter,
wenn nicht in schwerem Mißbehagen immerdar!«
»Ahoi, ich seh' Sophiens Insel
voraus, beschwert durch finstre Nacht ,
so wie ein Echo wie ein Geist.«
»Ach, könnten wir das grause Schicksal
doch von uns tun mitsamt dem Kriege ,
den wir nie hätten führen soll'n!«
Was ist Ihnen aus dem Krieg der Häuser am lebhaftesten in Erinnerung geblieben?
Erst vor sechs Monaten hat mir ein dreister junger Reporter diese Frage gestellt, nachdem er sich die Mühe gemacht hatte, mich in meiner Wohnung aufzuspüren: einer Ruine, die mit dem Müll eines Lebens voller Fehlstarts angefüllt ist. Ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal mehr, für welche Flugschrift er arbeitete.
Nach einem langen Tag, an dem ich den Fremdenführer für die Sorte von Leuten gespielt hatte, die ich die Ignoranten und die Grobiane nenne, war ich mürrisch und mißmutig. Allmählich fing ich an, einige der weniger ersprießlichen Eigenschaften meiner Kunden anzunehmen. Außerdem war er wirklich ausgesprochen jung! Selbst als Kind war Sybel nie so jung gewesen. Wahrscheinlich war der Kerl noch nicht mal geboren, als der Krieg ausbrach.
»Was ist Ihnen aus dem Krieg der Häuser am lebhaftesten in Erinnerung geblieben?« fragte er mich.
Im Sonnenlicht, das durch das offene Fenster hereindrang, konnte man Staubkörnchen sehen, die hinter seinem Kopf schwebten. Jenes Fenster öffnete ich nur noch selten. Mir gefiel nicht, was dann in meiner Wohnung zum Vorschein kam: der abgetretene rote Teppich; die mit Pailletten besetzten Kleider, auf Bügeln in einer dunklen Ecke über einen plumpen alten Sessel geworfen; die Dutzende von Gemälden, die ich aus der Galerie gerettet hatte, allesamt völlig wertlos. Ich hatte weiß Truff woher sogar zwei Zeremonialschwerter - und Dutzende von Photoalben, aber ich brachte es nicht über mich, sie hervorzuholen.
In der Wohnung hätte mal wieder gründlich gelüftet werden müssen, aber der Reporter hat nicht einmal die Nase gerümpft, das muß man ihm lassen - nicht einmal, als eine Staubwolke aufstieg, kaum hatte sein hagerer Hintern mit der Sitzfläche des zweiten Sessels näheren Kontakt aufgenommen.
»Was mir in Erinnerung geblieben ist?« wiederholte ich. Bei Truff, was war sein Gesicht glatt und sorglos, selbst in diesem Licht. Sehen alle Unschuldigen so aus? »Die Oper, natürlich«, sagte ich.
Seine Augen leuchteten auf und weiteten sich, und er kritzelte irgendwelche Notizen auf einen nutzlosen Block, den er mitgebracht hatte.
»Als wir über den Krieg berichteten - insbesondere mittendrin -, hatten wir kein Papier«, sagte ich in einem hilfreichen Tonfall. »Unsere Notizen mußten wir mit unserem Blut auf Taschentücher schreiben. Meistens ging uns die Tinte aus .«
Er sah erschrocken auf, und ihm glitten braune Strähnen über die noch brauneren Augen. Dann betrachtete er mit einem fast schuldbewußten Gesichtsausdruck seinen Notizblock, bis ich loskicherte - ein Geräusch, über das ich mehr erschrak als er - und er begriff, daß ich nur Spaß machte.
»Sind Sie aus irgendeinem Grund wütend auf mich?« fragte er, und jetzt hatte er keine Ähnlichkeit mehr mit einem Reporter. Plötzlich war er nur noch ein kleiner Junge, so wie Duncan einst ein kleiner Junge gewesen war.
Ich starrte den aufstrebenden Reporter an und seufzte, lehnte mich in meinem Sessel zurück und sagte: »Nein. Ich bin nicht wütend. Ich bin alt und müde. Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Oder etwas zu essen? Ein Freund hat mir ein paar Kekse gebacken. Ich glaube, die sind hier noch irgendwo .« Ich fing an, unter den Kissen zu meinen Füßen zu suchen.
»Nein«, sagte er, etwas zu schnell. »Das ist nicht nötig. Ich möchte nur, daß Sie mir vom Krieg und von der Oper erzählen .« Seine Lippen würden immer voll sein und trotzdem ausdruckslos. Ein ernster Mund ohne die Andeutung einer Krümmung nach oben oder nach unten, die verraten hätte, ob er ein Optimist oder ein Pessimist war. Allein schon deswegen wird eines Tages vielleicht ein guter Reporter aus ihm, dachte ich bei mir. Oder ein guter Kartenspieler.
Aber jetzt saß er da, wartete schwitzend auf eine Antwort, und der süße Duft der Jugend erfüllte meine Wohnung.
»Es war ein Krieg«, erklärte ich ihm. »Viele Menschen sind umgekommen. Viele Gebäude sind zerstört worden. Es war die Hölle - wofür? Ich glaube, nach einer Weile wußte das niemand mehr .« Er nickte, als verstünde er mich. Aber konnte er das überhaupt? Wir waren Kriegsberichterstatter gewesen, und nicht einmal wir verstanden es. Wie mein Vater immer gesagt hat: Ein Reporter ist ein Spiegel, kein Fenster, und deswegen tut es doppelt weh. Man läßt die Ereignisse nicht einfach durch das Glas der eigenen Perspektive fließen, sondern erwidert unverwandt seinen Blick.
Mir schnürte sich bereits die Kehle zu. Meine Wohnung sah entsetzlich aus. Mein Bein war schwer und leblos, und es schmerzte. Reportern erzähle ich nur selten, woran ich mich erinnere - ich speise sie mit Platitüden, Klischees und gewundenen tapferen Worten ab, die nichts bedeuten. Weil es weh tut. Weil wir im Krieg so viel verloren haben.
»Jeden ereilt es .« Demzufolge, was Duncan in der Klosterfestung Zamilon aufgedeckt hat, gehörte das zu den letzten Worten, die von Samuel Tonsur niedergeschrieben wurden, und das ist wirklich ein guter Rat fürs Leben: Jeden ereilt es. Genieße, was du hast, solange du es kannst.
Fast war ich versucht, Tonsurs weisen Spruch für den Reporter zu wiederholen, aber ich war schon einigermaßen befangen und kam mir bedeutungslos vor. Außerdem hatte er eine Frage.
»Und was ist mit der Oper?«
Ich lächelte und beugte mich vor, um in sein hübsches Gesicht und seine sorglosen Augen zu schauen.
»Vom Krieg ist mir in Erinnerung geblieben«, sagte ich, »daß auf seinem Höhepunkt, fast im Epizentrum des Konflikts, als Hunderte von Männern, Frauen und Kinder nächste Woche in die Luft fliegen oder in Sporen verwandelt werden konnten, die kreativen Kräfte von Ambra beschlossen, die lächerlichste Verrücktheit in der ganzen lächerlichen Geschichte der Stadt zu inszenieren: eine Oper.«
Und was für ein erstaunliches Unternehmen das war! Auf Reklamezetteln wurde die Oper folgendermaßen beschrieben:

AM & BRA
verfasst von
Ano Nymn
gefördert von
Besorgten Bürgern
Regie von
Sarah Gallendrace
aufgeführt in der
Trillian Oper - wenn sie denn noch steht
in den Hauptrollen
Verschiedene Künstler - wenn sie denn verfügbar sind
Ein bösartiges »wechselseitiges Satyrikon« auf beide Parteien der augenblicklichen Auseinandersetzung nebst einer »Ergreifenden Liebesgeschichte«, mittels List und Libertinage der fernen Vergangenheit entlehnt. Eine Oper - mit aller Musik, welche die Kriegsanstrengungen übriglassen - unter der Leitung der genialen Sarah Gallendrace, der wir die Inszenierung von Voss Benders Oper Trillian verdanken.
Der Eintrittspreis ist an der Abendkasse zu vereinbaren.

Ganz gleich, was geschehen ist - im Rückblick läßt sich feststellen, daß die Oper der eine große Erfolg des Krieges war, das einzige Anzeichen, daß es danach noch eine Stadt namens Ambra geben könnte.
Nachdem die kriegerischen Auseinandersetzungen bereits zwei Jahre andauerten, riß sich die Stadt zu jener Zeit allmählich selbst in Stücke wie ein wildes Tier, das sich deshalb so sehr haßt, weil es sich nur allzugut kennt. Jede Nacht das ohrenbetäubende Grollen der Bombardierung, die violetten, roten oder grünen Lichter der Pilzgranaten am Himmel, der unablässige, eintönige, fieberhafte Lärm, der den Boden durchdrang, bis sogar die seltsamen neuen Krähenschwärme, die über die Toten herfielen, mit ihm verschmolzen, ihr Krächzen die vollkommene Nachahmung des Pilzgranatfeuers. {Niemand konnte sich sicher sein, ob er sich gerade unter dem Tod oder der Vogelscheiße wegduckte.} Und am Morgen: die selbst beigebrachten Wunden, mittendurch gespaltene oder zu Staub zerfallene Gebäude, die gewaltigen, scharfkantigen Narben in der Erde ...

Einer unserer ersten gemeinsamen Berichte setzte sich mit diesen neuen Waffen auseinander.
Bomben und Brot
von D. J. Shriek
Am vergangenen Wochenende ist eine bestürzende Tatsache über die Waffen ans Licht gekommen, die vom Haus Lewden eingesetzt werden: Sie sind eßbar. In manchen Teilen des Handelsviertels, die in den letzten Wochen unter besonders schweren Bombenangriffen zu leiden hatten, suchen Bürger in den Trümmern nicht mehr nur nach anderen Überlebenden oder den Leichnamen von Freunden und Familienmitgliedern, sondern nach den Bomben selbst.
Dr. Alan Self, ein Arzt ihm Dienst der Milizen des Hauses Hoegbotton, bestätigt diese Information. »Ich weiß nicht, wie es angefangen hat, aber weil es in bestimmten Stadtteilen an Nahrungsmitteln mangelt, haben die Hungernden begonnen, die Überreste der teuflischen Pilzbomben des Hauses Lewden zu essen«, sagte er.
Der Kern dieser Bomben explodiert nicht, sondern dient als Steuereinheit - Ballast, könnte man sagen. Dieser Ballast hat einen hohen Proteinanteil und zeitigt bis jetzt keine schädlichen Nebenwirkungen.
Bestimmte Pilzkugeln verfügen anscheinend über dieselben Eigenschaften.
»Ihre Halbwertzeit ist äußerst niedrig«, so Sarah Mindle, eine von vielen Hoegbotton-Angestellten, die rekrutiert wurden, um in diesem immer wirreren Bürgerkrieg zu kämpfen. »Nach ungefähr fünf Stunden werden die meisten von ihnen inaktiv und ungefährlich .«
Wegen ihres hohen Nährwerts werden diese Kugeln auch von den Armen geerntet und von denjenigen, die von den Barrikaden der unterschiedlichen Milizen von der Lebensmittelversorgung abgeschnitten werden. Die Suche nach den Kugeln birgt freilich Risiken. Um herauszufinden, ob sie ungefährlich geworden sind, bedarf es wiederum anderer Fertigkeiten.
»Ich warte, bis [die Kugeln] ihre violette Färbung verloren haben«, sagte Charles Jarkens. Jarkens ist ein Obdachloser, dessen Frau bei einem Bombardement zu Beginn des Krieges ums Leben gekommen ist. »Darauf warte ich, und ich warte, bis sie am unteren Ende ein wenig orange werden. Dann weiß ich, daß man sie essen kann .«
In einem nicht bestätigten Extremfall hat eine Familie, deren Sohn einem Kugelhagel zum Opfer fiel, selbige Kugeln aus seinem Körper entfernt und aufgegessen.
Bisher unerklärlich ist, wie es dem Haus Lewden gelungen ist, solche Waffen zu beschaffen, und warum Hoegbotton & Söhne bisher noch keine dieser Waffen, die ihnen in die Hände gefallen sind, gegen F&l eingesetzt haben. Gerüchteweise hat die Blockade von Ambra durch Schiffe von F&l dazu geführt, daß die Lebensmittelvorräte verschiedener h&S -Milizen so sehr eingeschränkt sind, daß sie dazu übergegangen sind, die Waffen von Lewden absichtlich zu zünden und zu verspeisen.
Wie angesichts derartig explosiver Artikel zu erwarten war, wurden Laconds Arbeitsräume so oft bombardiert, daß er seine Druckerpressen schließlich bei Nacht und Nebel an einen geheimen Ort in den Wäldern außerhalb von Ambra bringen ließ.
»Sollen sie doch versuchen, mich aufzuhalten !« sagte er oft, das Gesicht trotzig rot angelaufen. »Diese aufgeblasenen, gemeingefährlichen Bastarde können mich so oft in die Luft jagen, wie sie wollen - die Pressen werden nicht stillstehen !« {Ich muss schon sagen, der Krieg hatte auf Lacond vorübergehend eine belebende Wirkung.}
Solange es noch Benzin gab, brachten Motorfahrzeuge die Flugschrift jeden Morgen in die Stadt, und Eilboten - meist zehn- bis fünfzehnjährige Jungen und Mädchen, die einzigen, die für diesen Job die nötige Ausdauer mitbrachten und noch nicht von der Hoegbotton- Miliz eingezogen worden waren - verteilten sie an den wenigen sicheren oder zumindest neutralen Orten, wo sie sofort ausverkauft waren. Der Vertrieb war gefährlich, und manchmal kehrten unsere Boten nicht zurück. Sybel hat eine ganze Weile durchgehalten, aber es zehrte an seinen Nerven.
»Ich kann nicht mehr«, sagte er eines Morgens. Unter seinen Augen hatten sich dunkle Ringe gebildet, er hatte sich angewöhnt, in schneller Folge zu blinzeln, und seine linke Hand zitterte immer wieder unvermittelt, ganz gleich, in welcher Stimmung er war. »Ich kann nicht mehr. Ich kann nicht mehr .« {Er konnte nicht mehr, weil er so viele Jobs gleichzeitig hatte. Allerdings kam es zu einigen beunruhigenden Vorfällen, bei denen er von Angehörigen der Milizen beider Häuser mit vorgehaltener Waffe ausgeraubt worden war oder bei denen Bomben eine Rolle spielten.}
Lacond fand inzwischen großen Gefallen an unseren Berichten, und so erlaubte er uns, Sybel für unsere eigenen Missionen einzusetzen, was nicht bedeutete, daß er weniger in Gefahr war - nur eben auf andere Art und Weise.
»Sie müssen wirklich gute Arbeit leisten«, sagte Lacond einmal, als wir drei verschwitzt und erschöpft in seinem Büro au dem Boden saßen. »Beide Seiten schreien nach Ihren Köpfen .«
Entsprechend erwies es sich als klüger, daß wir unsere Artikel unter Pseudonymen wie Michael Smith und Sarah Pickle veröffentlichten. Ich gewöhnte mir sogar an, an unterschiedliche Orten zu schlafen, und unternahm nur noch selten einen Abstecher in meine Wohnung, da ich befürchtete, mir würde jemand eine Pilzkugel in den Hinterkopf schießen.
An bestimmten Tagen und in bestimmten Stadtteilen konnte man trotzdem ein paar Straßen entlanggehen, ohne daran erinnert zu werden, daß Krieg herrschte - sofern man in der Lage war, den Mörserbeschuß als Donnergrollen abzutun. Märkte hatten geöffnet, Leute gingen zur Arbeit, die Telephone funktionierten {auch wenn nur wenige sie benutzen wollten}, Restaurants servierten, was sie auftreiben konnten. Das Religionsviertel blieb aus politischen Gründen weitgehend sicher, und dort unterhielten h&S wie F&l einen florierenden Handel mit Lebensmitteln und Kleidung - manchmal während nur wenige Straßen weiter gekämpft wurde. {Der Krieg bot auch für die Eingeborenenstämme, insbesondere für die Dogghe, vielfältige Gelegenheiten, sich eine goldene Nase damit zu verdienen, Nahrungsmittel zu besorgen oder mit dem Feind zu kollaborieren - mit beiden Feinden.} Einige Mal war es mir sogar möglich, mich mit Künstlern und Galeriebesitzern zu treffen, und mein neuer Beruf nötigte ihnen sogar einigen Respekt ab.
Dieses vorübergehende Gefühl von Sicherheit verdankten wir teilweise der Tatsache, daß sich beide Seiten nach den ersten sieben oder acht Monaten der Kriegsführung ein Stück zurückzogen. Das Haus Lewden hatte sich anfangs darauf konzentriert, Scheinangriffe auf den Südosten und den Südwesten zu unternehmen. Ihr Ziel war es, denn Hauptsitz von h&S und den Hafen zu erobern. Aber nach mehreren heftigen Gefechten wurde F&l auf das nördliche Drittel von Ambra beschränkt. Sie kontrollierten einen Teil des Hafens und des Albumuth-Boulevards, aber bis zum Stammsitz von h&S konnten sie nicht vorstoßen. Nachdem h&S sich von dem anfänglichen Schock erholt hatte, brachten sie die Moral und die Disziplin auf, nicht noch mehr Boden zu verlieren. Der »Frontverlauf« stabilisierte sich einigermaßen, sah man von einer gewissen Durchlässigkeit ab, die Spionen, Überraschungsangriffen und schließlich dem Mörserbeschuß des Kalifen geschuldet war. Die Beständigkeit des Ganzen hatte etwas Tröstliches. {Ich konnte keinen Trost darin finden. Die ganze Auseinandersetzung beunruhigte mich von Anfang an. Allein schon der Versuch herauszufinden, warum die Grauhüte darin verwickelt waren, ließ mir keine Ruhe. Bisher hatten sie noch nie eine bestimmte Fraktion unterstützt - allem Anschein nach gab es für sie nicht einmal einen Unterschied zwischen den Fraktionen! Und wenn doch, war er ihnen gleichgültig. Warum sollten sie nun ihre Taktik ändern? Außerdem waren zwar ihre Waffen allgegenwärtig, aber sie selbst waren nirgends zu sehen.}
Trotzdem konnte das nicht ewig so weitergehen. Für die Stadt bestand die ernste Gefahr, daß sie bald keine Stadt mehr sein würde, sondern nur noch Trümmer und schwarzer Rauch und Leichenberge - daß sie zu zwanzig verschiedenen Städten würde, die nur noch ein lockeres Gefüge namens »Ambra« bildeten. Duncan spürte das, aber er konnte es nicht angemessen in Worte fassen. {Ich habe es als Gefühl tief im Innern meines steten Veränderungen unterworfenen Körpers vorausgesehen, aber ich konnte nichts daran ändern.}
»Wir nähern uns dem Ende«, sagte er eines Abends, als der Krieg bereits achtzehn Monate andauerte. Wir saßen in den schwelenden Ruinen des Cafés zum Rubinkehligen Kalb. Es war mehr oder minder neutrales Gebiet, nachdem es zum größten Teil von Granatwerfern zerstört worden war. Zumindest konnten wir darauf zählen, daß niemand versuchte, uns umzubringen, während wir dort saßen - einige umgekippte Tische und strategisch plazierte Sträucher schirmten uns ab. Die Bedienung war furchtbar, aber das war nicht weiter überraschend, schließlich waren alle Kellner tot.
Duncan war blaß, aber unversehrt, das Gesicht schwarz vor Schmutz und voller rotgeriebener Schnittwunden. Wir tranken einige Flaschen Todds knallendes Kriegsstout , die unter einer aus den Angeln gebrochenen, zersplitterten Tür wunderbarerweise ganz geblieben waren.
»Dem Ende?« hakte ich nach.
»Ja«, sagte er und nahm einen tiefen Schluck von seinem Bier. »Wir nähern uns dem Ende. Irgend etwas muß nachgeben. Irgend jemand muß blinzeln. Sich verändern. So kann das nicht weitergehen. Das ist unmöglich .« [...]
»... "Shriek" ist Scherz, Satire, Ironie und tiefere Urban Fantasy - die Art Buch, die seine Leser in Fans verwandelt ... «
Wieland Freund (Die Welt, 24.01.09)

»... eines der Großtalente der fantastischen Literatur ...«
Thomas Klingenmaier (Stuttgarter Zeitung, 24.10.08)

»Der Amerikaner Jeff VanderMeer, eines der Großtalente der fantastischen Literatur ... VanderMeer hat viel mit Thomas Pynchon gemein, aber nicht dessen Willen zur Leseerschwernis, Kryptik und völligen Abstraktion des Erzählten. VanderMeer sucht einen Weg zwischen dem allzu Süffigen und dem schwer Verkopften. ...«
Thomas Klingenmaier (Stuttgarter Zeitung, 24.10.2008)
Hobbitpresse Aus dem Amerikanischen von Hannes Riffel (Orig.: Shriek: An Afterword)
1. Aufl. 2008, 493 Seiten, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-608-93778-7

Jeff VanderMeer

Jeff VanderMeer ist für »Die Verwandlung des Martin See« (im vorliegenden Band enthalten) mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet ...

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