Schattenfall

Der Krieg der Propheten 1

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Mit Illustrationen von Ted Nasmith
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Der neue Star der internationalen Fantasy legt eine grandiose Romantrilogie vor, kraftvoll, fesselnd und klug: Im mächtigen Reich Eärwa versinkt die Sonne, der Untergang steht bevor, der letzte Krieg bricht aus. Unter den Kriegern, Magiern, Mönchen und Spionen sind drei mächtige, gefährliche Männer, die ihre eigenen Interessen mit blutigem Schwert durchsetzen und die Vergangenheit rächen wollen ...

Eärwa, einstmals mächtiges Reich am großen Ozean, droht endgültig aus den Fugen zu geraten: Der Heilige Krieg gegen die Heiden im Süden wird ausgerufen, zahlreiche Krieger und Magier folgen diesem Ruf. Doch bald zeichnet sich ab, daß jede Fraktion ihre eigenen Interessen verfolgt.

Darin verwickelt: drei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, drei Schicksale, die sich zu einem verhängnisvollen Netz verweben. Anasûrimbor Kellhus, Krieger und Mönch des Ordens der Dûnyain, der junge Erbe eines vor zweitausend Jahren zugrundegegangenen Imperiums - auf der Jagd nach seinem verschollenen Vater. Drusas Achamian, ein mächtiger Magier der gefährlichen Geheimgesellschaft Mandati, als Spion unterwegs in fremden Ländern - auf der Suche nach endgültigen Wahrheiten und der Liebe der Frauen. Und Cnaiür, scheinbar unbesiegbarer Häuptling der nomadischen Scylvendi und heimlicher Adept der Dûnyain - auf Rache am Mörder seines Vaters sinnend.

R. Scott Bakker ist der Shooting Star der internationalen Fantasy - von Kritikern und Lesern gleichermaßen mit Lob überhäuft. Seine Trilogie »Der Krieg der Propheten« wird bereits als moderner Klassiker gehandelt.
Die beiden Folgebände werden bei Klett-Cotta in halbjährlichem Rhythmus erscheinen.

Die Originaltitel der Trilogie »Der Krieg der Propheten«
Band 1: The Darkness that Comes Before
Band 2: The Warrior-Prophet
Band 3: The Thousandfold Thought

Leseprobe

1. KAPITEL
CARYTHUSAL
Es gibt nur drei Arten von Menschen: Zyniker, Fanatiker - und Mitglieder des Ordens der Mandati
(Ontillas: Von der menschlichen Torheit)
Der Verfasser hat oft beobachtet, dass Menschen im Vorfeld großer Ereignisse nicht ahnen, was ihr Handeln eigentlich bedeutet. Anders als man vielleicht annehmen mag, liegt dies nicht daran, dass der Mensch blind für die Folgen seines Handelns ist. Es ergibt sich eher daraus, auf wie unsinnige Weise sich aus Belanglosigkeiten Schreckliches entwickeln kann, wenn zwei Menschen sich ins Gehege kommen. Die Anhänger der Scharlachspitzen haben ein altes Sprichwort: »Wenn einer einen Hasen jagt, wird er ihn aufspüren. Aber wenn viele Leute einen Hasen jagen, entdecken sie einen Drachen.« Sobald Menschen gegensätzliche Interessen verfolgen, ist das Ergebnis immer unbekannt und allzu oft erschreckend.
(Drusas Achamian: Handbuch des Ersten Heiligen Kriegs)
CARYTHUSAL IM WINTER 4110
Alle Kundschafter sind von ihren Informanten besessen. Manche grübeln nur vor dem Einschlafen über sie nach, andere tun es in jeder nervösen Gesprächspause. Dann mustern sie sie, wie Achamian nun Geshrunni betrachtete, und fragen sich: Was weiß er wohl? Wie viele Tavernen in der Nähe der großen Elendsviertel von Carythusal war auch das Wirtshaus zum Heiligen Aussätzigen luxuriös und heruntergekommen zugleich. Die Keramikfliesen auf dem Boden waren erlesen wie in einem Adelspalast, die Wände aber bestanden aus gestrichenen Lehmziegeln, und die Decke war so niedrig, dass manch einer sich unter den Messinglampen ducken musste, die - wie Achamian den Wirt einmal hatte prahlen hören - echte Nachbildungen der Tempellaternen von Exorietta waren. Das Lokal war ständig voller zwielichtiger, manchmal gefährlicher Gestalten, doch Wein und Haschisch waren gerade teuer genug, um die, die sich kein regelmäßiges Bad leisten konnten, von denen fernzuhalten, die das Geld dafür hatten.
Ehe er in den Heiligen Aussätzigen gekommen war, hatte Achamian die Ainoni nicht ausstehen können - vor allem die in Carythusal nicht. Wie die meisten Bewohner des Gebiets der Drei Meere hielt er sie für eingebildet und effeminiert. Was die sich an Öl in den Bart schmierten! Diese Freude an Ironie und Kosmetika! Und wie sie sich im Bett austobten! Doch seine Einschätzung hatte sich in den endlosen Stunden des Wartens auf Geshrunni allmählich gewandelt. Ihm war klar geworden, dass die Finesse von Geschmack und Charakter, die sich bei anderen Nationen auf die höchsten Kasten beschränkte, unter den Menschen hier wie ein Fieber um sich griff und sogar Freie aus den niedrigen Kasten, ja selbst Sklaven infizierte. Die Ainoni waren für ihn stets ein Volk von Wüstlingen und drittklassigen Verschwörern gewesen. Dass gerade dies sie zu einem Volk von Gleichgesinnten machte, hätte er früher nicht für möglich gehalten.
Vielleicht hatte er deshalb bei Geshrunnis Worten »Ich kenne dich« nicht sofort erkannt, in welcher Gefahr er schwebte.
Geshrunni, der sogar im Lampenlicht dunkel wirkte, nahm seine vor der weißen Seidenweste verschränkten Arme herunter und beugte sich im Stuhl vor. Er war eine imposante Erscheinung mit falkenartigem Soldatengesicht, einem Bart, der zu vielen kleinen Zöpfen geflochten war und wie eine Versammlung schwarzer Lederriemen aussah, und wuchtigen Armen, die so braungebrannt waren, dass die tätowierten Ainoni-Piktogramme, die sich in einer Linie von der Schulter zum Handgelenk zogen, kaum zu erkennen waren.
Achamian versuchte, freundlich zu lächeln. »Auf dich und meine Frauen«, sagte er, stürzte noch ein Glas Wein herunter, atmete tief ein und leckte sich die Lippen. Er hatte Geshrunni immer für ziemlich beschränkt gehalten, für einen, der mit dem Denken und Formulieren so seine Mühe hatte - wie die meisten Krieger, vor allem die Sklaven unter ihnen.
Aber die Behauptung Geshrunnis hatte nichts Beschränktes. Er musterte Achamian eindringlich, und zum Argwohn in seinen Augen gesellte sich eine leichte Verwunderung. Dann schüttelte er angewidert den Kopf. »Besser gesagt: Ich weiß, wer du bist.« Wie nachdenklich er sich nun zurücklehnte - das war für einen Soldaten so ungewöhnlich, dass Achamian vor Angst eine Gänsehaut bekam. Die laute Taverne schien von ihm abzurücken und nur noch als Hintergrund aus schattenhaften Gestalten und golden leuchtenden Lampen präsent zu sein.
»Dann schreib’s auf«, gab Achamian zurück, als würde Geshrunni ihn allmählich anöden. »Und gib’s mir zu lesen, wenn ich nüchtern bin.« Er sah anderswohin, wie Gelangweilte das oft tun, und merkte, dass der Eingang zur Taverne leer war.
»Du hast gar keine Frauen.«
»Was du nicht sagst! Und wie kommst du darauf?« Mit einem raschen Blick prüfte Achamian, was sich im Rücken seines Gegenübers tat: Eine Hure drückte sich lachend einen glänzenden Silber-Ensolarius auf die verschwitzte Brust. Das Mannsvolk ringsum brüllte:
»Eins!«
»Das macht sie ziemlich gut«, kommentierte er. »Liegt natürlich am Honig.«
Geshrunni ließ sich nicht ablenken. »Leute wie du dürfen keine Frauen haben.«
»Leute wie ich, ja? Und was sind das für Leute?«, fragte Achamian und sah wieder kurz zum Eingang.
»Du bist ein Hexenmeister und gehörst einem Orden an.«
Achamian lachte einen Wimpernschlag zu spät und wusste gleich, dass seine Schrecksekunde ihn verraten hatte. Aber er hatte Grund genug, sein Theater fortzusetzen. Wenigstens würde er so seine Lebenszeit um ein paar Minuten verlängern.
»Beim allerletzten Propheten, guter Freund«, rief Achamian und sah erneut zum Eingang, »du streust deine Anschuldigungen ja mit vollen Händen aus. Was war ich gestern Abend angeblich? Ein Hurensohn?«
Ins allgemeine Gelächter donnerten die Männer hinter Geshrunni:
»Zwei!«
Die Gesichtszüge seines Gegenübers verrieten Achamian wenig, denn die Mienen des Hauptmanns schienen allesamt Grimassen, vor allem sein Lächeln. Die Finger aber, die jetzt vorschnellten und ihn am Handgelenk packten, sagten ihm, was er wissen musste.
Ich bin verloren - sie wissen Bescheid.
Es gab kaum etwas Entsetzlicheres als »sie«, vor allem in Carythusal. »Sie« waren die Scharlachspitzen - der mächtigste Orden im Gebiet der Drei Meere und heimlicher Herrscher von Ainon. Geshrunni war Hauptmann bei den Javreh, den Kriegersklaven der Scharlachspitzen. Gerade deshalb hatte Achamian ihn in den letzten Wochen umworben - nach der alten Kundschafterregel: Zapf die Sklaven der Konkurrenz an.
Geshrunni blickte ihm grimmig in die Augen und bog ihm die Handfläche nach oben. »Wir beide wissen, wie sich mein Verdacht bestätigen lässt«, sagte er leise.
»Drei!«, hallte es durch die Schenke.
Achamian zuckte zusammen, weil Geshrunni schmerzhaft zupackte, aber auch, weil er wusste, welcher »Weg« gemeint war. Nein, so nicht ...
»Geshrunni, bitte ... Du bist betrunken, Freund. Welcher Orden würde es wagen, den Zorn der Scharlachspitzen zu wecken?«
Der Hauptmann zuckte die Achseln. »Die Mysunsai vielleicht? Die Kaiserlichen Ordensleute? Oder die Cishaurim? Von eurer verwünschten Sippschaft gibt’s doch jede Menge. Aber wenn ich wetten müsste, würde ich auf die Mandati tippen. Ja - ich schätze, du gehörst zum Orden der Mandati.«
Dieser schlaue Sklave! Seit wann weiß er das wohl schon?
Die furchtbaren Worte waren in Achamians Kopf und warteten nur darauf, dass er sie aussprach - Worte, die einen erblinden lassen und verätzen konnten. Er lässt mir keine andere Wahl. Es würde bestimmt Aufruhr geben: Männer würden brüllend nach dem Schwert greifen, dann aber wie Wachteln vor ihm fliehen. Von allen Völkern im Gebiet der Drei Meere fürchtete keines Hexerei so sehr wie die Ainoni.
Es gibt keine andere Wahl.
Doch Geshrunni hatte schon unter seine bestickte Weste gelangt, ballte die Hand zur Faust und grinste böse.
Zu spät ...
»Du siehst aus«, meinte Geshrunni mit gefährlichem Behagen, »als wolltest du etwas sagen.«
Er zog die Hand wieder unter der Weste hervor und zeigte ihm sein Chorum. Dann blinzelte er und zerriss erschreckend unvermittelt die goldene Kette, an der er es um den Hals trug. Achamian hatte das Chorum seit ihrer ersten Begegnung gespürt, ja, seine nervtötenden Signale hatten ihn erst erkennen lassen, dass Geshrunni ein hohes Tier bei den Javreh war. Nun würde der Hauptmann es einsetzen, um ihn zu überführen.
»Was soll das denn jetzt?«, fragte Achamian, und blanke Angst ließ seinen Arm, den Geshrunni weiter auf die Tischplatte drückte, kurz zittern.
»Ich glaube, das weißt du sehr gut, Akka - vermutlich besser als ich.«
Chorae. Die Ordensleute nannten sie Schmuckanhänger. Entsetzliches hat oft einen harmlosen, beschönigenden Namen. Doch wer - gemäß der Lehre der Tausend Tempel - Hexerei als Blasphemie verdammte, bezeichnete diese Anhänger als Tränen Gottes. Gott freilich war an ihrer Herstellung nicht beteiligt. Chorae waren Überbleibsel aus dem Alten Norden und so wertvoll, dass man nur durch eine reiche Heirat, durch Mord oder durch den Gegenwert der jährlichen Tributleistung eines Volkes in ihren Besitz kam. Und diesen Preis waren sie wert: Chorae immunisierten ihre Besitzer gegen Hexerei und töteten jeden Zauberer, der das Pech hatte, sie zu berühren.
Geshrunni hielt Achamians Hand weiter ohne jede Anstrengung auf der Tischplatte fest und hob sein Chorum zwischen Daumen und Zeigefinger. Es war absolut unauffällig: eine olivgroße Eisenkugel, in die Kursivschrift der Nichtmenschen graviert war. Achamian spürte, wie die Kugel an seinen Eingeweiden zerrte, als halte Geshrunni weniger einen Gegenstand als eine Abwesenheit zwischen den Fingern, ein kleines Loch im Gewebe der Welt. Er spürte das Herz in den Ohren pochen und dachte an das Messer unter seiner Tunika.
»Vier!« Dröhnendes Gelächter.
Er versuchte, seine Hand zu befreien. Vergeblich.
»Geshrunni ...«

Geshrunni verzog das Gesicht, als er aus der Taverne stolperte, und kämpfte in der staubigen Gasse um sein Gleichgewicht.
»Geschafft«, murmelte er und stieß ein meckerndes Lachen aus, das andere nie zu hören bekamen. Dann blickte er zum Himmel, von dem zwischen Lehmziegelmauern und ausgefransten Leinwandplanen nur ein schmaler Spalt zu sehen war. Sterne waren kaum zu erkennen. Plötzlich empfand er seinen Verrat als jämmerlich. Er hatte das einzige echte Geheimnis, das er kannte, an einen Feind seiner Herren ausgeplaudert. Jetzt hatte er nichts mehr, um seinen Hass zu stillen.
Und der saß tief. Geshrunni war in allererster Linie ein stolzer Mensch. Dass einer wie er in eine Sklavenexistenz hatte geboren werden können und es sich gefallen lassen musste, von feigen, weibischen Männern herumgestoßen zu werden ... Von Hexenmeistern! Hätte das Schicksal ihm nicht diese traurige Rolle zugeteilt, er wäre ein Eroberer geworden - davon war er überzeugt. Einen Feind nach dem anderen hätte er mit mächtiger Hand zerschmettert. Doch in seinem verwünschten Leben konnte er sich nur tratschend mit anderen weibischen Männern herumdrücken.
Als ob Klatsch etwas mit Rache zu tun hätte!
Er war schon ein Stück durch die Gasse geschwankt, ehe er merkte, dass ihm jemand folgte. Einen Moment lang fürchtete er, seine Herren hätten den Verrat entdeckt, doch das hielt er für unwahrscheinlich. Die Elendsviertel waren voll verzweifelter Menschen, die jedem Vorübergehenden in der Hoffnung folgten, er sei betrunken genug, ihn problemlos auszuplündern. Vor Jahren hatte er mal eine dieser Gestalten getötet, einen armen Teufel, der eher einen Mord begangen hätte als sich - wie Geshrunnis unbekannter Vater - in die Sklaverei zu verkaufen. Der Hauptmann schwankte weiter und gab sich alle Mühe, der Gefahr trotz seiner Trunkenheit mit wachen Sinnen zu begegnen, während blutige Szenarios durch seinen berauschten Kopf jagten. Es wäre eine gute Nacht, um mal wieder einen umzubringen, dachte er.
Erst als Geshrunni den bedrohlich aufragenden Tempel passierte, den die Bewohner Carythusals den Rachen des Wurms nannten, fuhr ihm der Schreck in die Glieder. So oft einem Leute in die Elendsviertel folgten, so selten heftete sich einer an die Fersen derer, die den Wurm verließen. Geshrunni konnte inzwischen sogar die höchsten Turmspitzen blutrot übers Häusermeer in den Sternenhimmel ragen sehen. Wer würde es wagen, ihm so weit zu folgen? Das konnte doch nur ...
Er fuhr herum und sah einen rundlichen Mann mit schütterem Haar. Trotz der Hitze trug er einen prunkvollen Seidenmantel, der in allen möglichen Farben gehalten sein mochte, im Dunkeln aber zwischen blau und schwarz changierte.
»Du bist doch einer von denen, die bei der Hure mit dem Honigtrick gesessen haben«, sagte Geshrunni und bemühte sich, endlich die benebelnde Trunkenheit abzuschütteln.
»Stimmt«, antwortete der Mann und grinste bis über die Hängebacken. »Sie war sehr ... verführerisch. Aber um ehrlich zu sein: ich hab mich viel mehr für das interessiert, was du dem Ordensmann der Mandati zu sagen hattest.«
Geshrunni blinzelte sein Gegenüber so trunken wie überrascht an.
Dann wissen sie es also.
Gefahr hatte ihn schon immer auf einen Schlag nüchtern werden lassen. Er griff intuitiv in die Westentasche, schloss die Finger um sein Chorum und schleuderte es mit aller Kraft nach dem Ordensmann der Scharlachspitzen ...
Oder nach dem, den er dafür hielt. Der Fremde aber pflückte den Anhänger aus der Luft, als sei er ihm zu freundlicher Begutachtung zugeworfen worden, und musterte ihn einen Moment lang wie ein skeptischer Geldwechsler, dem eine Bleimünze unter die Finger gekommen ist. Dann sah er auf, lächelte wieder und zwinkerte mit großen Kuhaugen. »Was für ein kostbares Geschenk!«, sagte er. »Hab vielen Dank, doch ich fürchte, das ist kein ausreichender Ersatz für das, was ich suche.«
Ein Hexenmeister jedenfalls ist er nicht! Geshrunni war einmal dabei gewesen, als ein Chorum einen Zauberer berührt und mit lodernder Flamme zu Asche verwandelt hatte. Doch um wen mochte es sich bei diesem Mann handeln?
»Wer seid Ihr?«, fragte Geshrunni.
»Das übersteigt deinen Horizont, Sklave.«
Der Javreh-Hauptmann lächelte. Vielleicht ist er nur ein Narr. Plötzlich überkam ihn die gefährliche Liebenswürdigkeit des Betrunkenen.
Er trat auf sein Gegenüber zu und legte ihm eine schwielige Hand auf die fettgepolsterte Schulter. Jasmin stieg ihm in die Nase. Die Kuhaugen sahen zu ihm auf.
»Ach du liebe Zeit«, flüsterte der Fremde. »Du bist ein wage mutiger Narr, was?«
Warum hat er keine Angst? Jetzt stand Geshrunni wieder vor Augen, wie lässig der Dicke sich das Chorum gefischt hatte, und er fühlte sich plötzlich furchtbar schutzlos. Doch nun konnte er keinen Rückzieher mehr machen.
»Wer seid Ihr?«, fragte er heiser. »Wie lange beobachtet Ihr mich schon?«
»Dich beobachten?« Beinahe hätte der Mann losgekichert. »So eingebildet zu sein, schickt sich nicht für einen Sklaven.«
Beobachtet er also Achamian? Was soll das alles? Als Offizier war Geshrunni gewohnt, Männern aus nächster Nähe bedrohlich zu kommen und sie einzuschüchtern. Bei diesem Mann aber klappte das nicht. Er mochte ein Weichei sein - doch auf jeden Fall war er die Lässigkeit selbst. Das spürte Geshrunni. Und hätte er nicht so viel unverdünnten Wein getrunken, hätten ihm längst die Knie ge schlottert.
Er grub die Finger tief in die fette Schulter des Fremden.
»Sag mir, wer du bist, du feister Narr!«, fuhr er ihn mit zusammengebissenen Zähnen an. »Sonst kannst du deine Eingeweide auf dem Straßenpflaster betrachten.« In der freien Hand schwang er inzwischen sein Messer. »Wer bist du?«
Der Dicke blieb unbeeindruckt, doch sein Lächeln hatte einen brutalen Zug bekommen. »Kaum etwas ist so betrüblich wie ein Sklave, der seinen Platz nicht erkennen will.«
Fassungslos blickte Geshrunni auf seine Hand. Er fühlte sie nicht mehr und sah sein Messer zu Boden fallen. Und das, obwohl er nur ein leises Geräusch gehört hatte, das vom Ärmel des Fremden gekommen zu sein schien.
»Auf die Knie«, sagte der nun.
»Wie bitte?«
Die Ohrfeige war so gesalzen, dass ihm Tränen kamen.
»Auf die Knie, hab ich gesagt.«
Die zweite Backpfeife war so gepfeffert, dass sie ihn leicht ein paar Zähne hätte kosten können. Geshrunni taumelte einige Schritte zurück und hob schwerfällig die Hand. Wie war das möglich?
»Da haben wir uns ja wirklich was vorgenommen«, sagte der Fremde bekümmert und schloss zu ihm auf. »Wenn sogar ihre Sklaven schon solchen Stolz besitzen.«
Panisch tastete Geshrunni nach dem Heft seines Schwerts. Der Dicke hielt inne und sah kurz auf den Knauf der Waffe. »Zieh«, sagte er mit unvorstellbar kalter, nicht menschlicher Stimme.
Geshrunni erstarrte mit aufgerissenen Augen und war von der gewaltigen Silhouette gebannt, die nun vor ihm aufragte.
»Zieh, hab ich gesagt!«
Geshrunni zögerte.
Der nächste Schlag schickte ihn auf die Knie.
»Was bist du für ein Wesen?«, rief der Sklave mit blutigen Lippen.
Während der Umriss des Dicken immer näher kam und es schien, als wollte er ihn verschlucken, sah Geshrunni noch, wie die Gesichtszüge seines Angreifers kurz entgleisten, dann aber hart wurden wie der Griff eines Bettlers, der eine Silbermünze ergattert hat. Hexerei! Aber wie ist das möglich? Er hat doch ein Chorum in der Hand ...
»Ich bin unvorstellbar alt«, antwortete das abscheuliche Wesen.
»Und unglaublich schön.«
[...]
Hobbitpresse Aus dem Englischen von Andreas Heckmann (Orig.: The Prince of Nothing 1. The Darkness that Comes Before, Toronto 2003)
2. Aufl. 2008, 656 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Lesebändchen, drei Karten
ISBN: 978-3-608-93783-1

R. Scott Bakker

R. Scott Bakker wurde 1967 als Sohn eines Tabakpflanzers in Simcoe, Kanada geboren und verbrachte seine Jugend damit, die Wälder im Norden des Lake ...

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