Der Wächter der Winde

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Erscheinungsdatum: 24.08.2019
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»Oliver Plaschka ist der Magier unter den deutschen Fantasyautoren.«
Christoph Hardebusch

Vornehme Geschäftsleute in einer nachtschwarzen Limousine, ein Schmugglerpärchen mit einem Laster voller gestohlenem Whiskey, ein jugendlicher Waisenjunge aus dem Wilden Westen – sie alle geraten im Hinterland der kalifornischen Küste in einen Sturm, der sie verschlingt. Aber jenseits dieses Orts tut sich ihnen eine fantastische Welt auf.

Keiner der im Sturm Verschollenen ahnt: Sie alle sind Spielball des genialen und exzentrischen Erfinders Ross, der vor zwölf Jahren mit seiner kleinen Tochter in derselben Gegend verschwand. Dort, in der malerischen Wildnis von Big Sur, hat er mithilfe magischer Kräfte die »Welt unter dem Winde« geschaffen, über die er gleich einem König gebietet. Die Gestrandeten geraten in ein Netz aus Intrigen, Erinnerungen und Schuld, fast ohne jede Chance zu entkommen. Eine moderne Fantasygeschichte in der Tradition Neil Gaimans, die Motive aus William Shakespeares »Der Sturm« neu aufleben lässt.

Leseprobe
Die Tür des Hauses öffnete sich, noch ehe sie sie erreichte. Caliban stand im Eingang. Sein schwarzes Haar war noch länger geworden seit ihrem letzten Besuch, seine Haut war ungeachtet der wärmenden Sonne bleich wie immer. Er trug einen dunklen, samtenen Gehrock, in dem sich die Farben eines nächtlichen Regenbogens verbargen, über einem schimmernd weißen Hemd. Seine melancholischen Kohleaugen starrten ihr entgegen, die schmalen Wangen waren erwartungsvoll gespannt, die blassen Lippen geschürzt. Wie immer wirkte er, als rechnete er jeden Moment damit, dass der Blitz auch in ihn einschlug.  „Hallo Mira“, sagte er.  „Caliban!“, rief sie und fiel ihn um den Hals. Sie spürte, wie er sich versteifte. Roch seinen Duft, der ähnlich war wie der Ariels, nach Wind und Meer und unerfüllten Träumen.  „Ich dachte, wir sehen uns erst in drei Nächten.“  „Es ist etwas passiert ... ich muss mit dir reden.“ Er entspannte sich, vergrub das Gesicht in ihrem Haar. Dann löste er sich aus ihrer Umarmung und ging ins Haus.  „Komm herein.“ Sie folgte ihm nach drinnen. Der vordere Bereich des Hauses war ein kaltes Treppenhaus finsterer Holzwände und schwerer Teppiche auf dem Steinboden. Calibans düstere Gemälde an den Wänden schienen bei jedem Besuch andere undeutliche Schemen zu zeigen, aber immer die gleiche Sehnsucht. Spiegelsamt schimmerte auf weichen Sesseln. Trotz der dunkel schillernden Farben und Stoffe wirkte die Eingangshalle auf Mira stets auf verstörende Art abweisend, verschlossen gar. Nichts darin passte zu dem Caliban, den sie kannte, und alles wirkte älter als er selbst; es war, als führte er sie durch eine Ausstellung, die sich ihm selbst nicht erschloss.  „Du bist ja ganz aufgeregt“, stellte er fest.  „Was ist passiert? Sollte sich im Reiche deines Vaters tatsächlich einmal etwas Unvorhergesehenes ereignet haben?“  „Es sind Leute gekommen!“, platzte es aus ihr heraus, denn sie hatte keine Zeit für seine Neckereien.  „Andere Menschen! Zu uns!“  „Leute?“ Er blieb stehen und wandte sich ihr stirnrunzelnd zu.  „Menschen?“ Der Gedanke an Besucher musste ihm genauso fremd sein wie ihr. Sie hatten ihr ganzes Leben in der Welt unter dem Winde verbracht – sie war alles, was sie kannten. Und Mira und Caliban waren neben Ariel und ihrem Vater die einzigen denkenden Bewohner dieser Welt.  „Sie sind auf dem Weg zu uns. Glaub mir! Ariel hat es mir gezeigt.“ Seine Miene verfinsterte sich weiter. Sie wusste, Caliban misstraute dem Geist, weil Ariel ihrem Vater verpflichtet war.  „Hat er dich geschickt?“, fragte er.  „Ariel?“  „Nein. Erst wollte er es vor mir geheim halten.“ Sie strahlte ihn an.  „Dann habe ich ihn überredet und er hat mir alles erzählt.“  „Und dein Vater?“ Sie seufzte. Wünschte, Caliban hätte etwas mehr Vertrauen in sie. Es schmerzte sie, dass die einzigen Gefährten in ihrem Leben einander mit Argwohn begegneten.  „Vater wollte nicht, dass ich zu dir gehe – da bin ich davongelaufen.“ Sie warf die Arme hoch.  „Manchmal kann er so stur sein!“ Caliban presste die Lippen zusammen, schaute unruhig zum Fenster.  „Er hasst mich“, murmelte er.  „Oh Caliban.“ Sie trat näher und drückte ihn an sich.  „Wieso? Wieso stellt Vater sich zwischen uns? Immerzu warnt er mich vor dir, als wärst du ein gefährliches Tier. Wieso? Was ist zwischen euch vorgefallen?“  „Glaub mir, ich hege keinen Groll gegen deinen Vater. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass er mich in Frieden ließe.“ Er wählte seine Worte mit Bedacht.  „Auch wünschte ich häufig, er würde deine Gedanken nicht ständig beschäftigen. Er ist ein bitterer Mann und kein freudvolles Thema für mich.“  „Er ist mein Vater.“ Sie biss sich auf die Lippe.  „Aber manchmal kommt es mir so vor, als wäre ich seine Gefangene. Und ich weiß, dass er dir unrecht tut.“  „Ist das so?“ Er löste sich von ihr und ging weiter.  „Dann hilf mir. Ich bin ganz allein.“ Mira folgte Caliban durch die rückwärtige Tür der Eingangshalle ins Herz des Hauses. Sie kannte den Anblick, der sie dort erwartete, seit ihrer Kindheit; doch er traf sie jedes Mal aufs Neue wie ein vergessener Schmerz. Wind bauschte ihr Haar, und heller Sonnenschein schlug Mira ins Gesicht, als das Wohnzimmer sich vor ihr auftat. Es war ein weiter, mit massiven Möbeln und dunklen Wandbehängen geschmückter Raum, in dem seiner sorgfältigen Staffage zum Trotz eine große, offene, Wunde klaffte: Denn das Zimmer besaß zwar Boden und Decke, doch nur drei Wände. Die rückwärtige Wand fehlte – so wie bei allen Zimmern hinter dem Eingangsbereich. Mira blieb stehen und ließ den Blick über die offenen Räume wandern. Die Schlucht fuhr direkt durch Calibans Haus: durch Wohnzimmer und Küche im Erdgeschoss wie durch Schlaf- und Musikzimmer im Obergeschoss und das Studio unter dem Dach, so als hätte ein riesenhaftes Messer das Haus mitsamt seiner Möbel gleich einer Torte durchtrennt und beide Hälften separiert, wobei die Schichten der Torte etwas verrutscht waren und einzustürzen drohten. Ungeachtet dieser Gefahr setzten sich Räume und Gegenstände auf der anderen Seite der Schlucht einfach fort. Ein Sofa begann auf der einen Seite und endete auf der anderen. Hemden wehten aus den offenen Flanken eines zerteilten Kleiderschranks; eines war gar in der Mitte zerteilt, so dass beide Ärmel auf ewig durch die Schlucht getrennt waren. Selbst Calibans Bett kannte zwei Hälften, ebenso sein Klavierflügel, und die Farbtöpfe seines Studios standen fern der schmetterlingsumtanzten Staffelei. Vögel spielten in dem Rinnsal, das aus dem halben Spülstein in die Schlucht tropfte.
Hobbitpresse
1. Aufl. 2019, 367 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-96243-7
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Oliver Plaschka

Oliver Plaschka, geboren 1975 in Speyer, promovierte an der Universität Heidelberg und arbeitet als freier Autor und Übersetzer. Seine teils ...

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