Erziehung in Krippe, Kindergarten, Kinderzimmer

Buchdeckel „978-3-608-94548-5

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Erziehungsratgeber für Eltern, Erzieherinnen und Tagesmütter

Dieses Buch liefert allen, die sich mit der Erziehung von Kindern im Alter von 0 - 6 beschäftigen, das notwendige Hintergrundwissen und zeigt dabei ganz konkret, wie sie ihr Wissen in die Praxis umsetzen können.
Über Kinderkrippen wird nirgends so ideologisch gestritten wie in Deutschland. In diesem Buch steht nicht das Für und Wider der Krippenbetreuung im Vordergrund, sondern die Frage der optimalen Erziehung und Betreuung der Säuglinge und Kleinkinder. Die Qualität einer Krippe steht und fällt mit der Befähigung der Tagesmütter und Erzieherinnen. Gerhard Suess und Edith Burat-Hiemer stellen in diesem Buch zusammen, was wir heute aus der entwicklungspsychologischen und Bindungsforschung wissen. Sie zeigen praxisnah, wie Tagesmütter, Pädagoginnen, aber auch Eltern ein tiefes Verständnis von frühkindlichen Entwicklungsprozessen erlangen und was sie im Rahmen ihrer erzieherischen Tätigkeiten konkret tun können.
Leseprobe
Einleitung
Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob ihre Bemühungen als Eltern ausreichend sind? Ob ihre Kinder genügend Förderung erhalten, um im Leben bestehen zu können? Plagen Sie sich mit schlechtem Gewissen, weil Sie planen ihr Kind schon bald nach der Geburt in die Krippe oder zur Tagesmutter zu geben? Wenn Sie Fragen wie diese mit einem JA beantworten, dann kann Ihr Kind mit Ihnen schon mal zufrieden sein. Sie machen sich schließlich Gedanken über ihr Elternsein - eine Grundvoraussetzung für gelingende Elternschaft. Sie wollen z.B. wissen, was sie im Umgang mit ihrem Kind besser machen können und wie gut die Betreuung ihres Kindes sein sollte. Um solche und ähnliche Fragen zu klären, greifen Sie auch schon mal zu einem Buch. Für Sie haben wir diesen Ratgeber geschrieben, um Sie über frühe Entwicklung von Kindern im Kontext der Familie, der Krippe und des Kindergartens zu informieren. Doch auch für Leser, die beruflich mit sehr kleinen Kindern zu tun haben und sich fragen: wie können wir Kinder und Familien bestmöglich fördern? Dieses Buch ist für Fachleute und für betroffene Eltern gleichermaßen geschrieben, denn wir wollen Antworten geben auf die Fragen: was wissen wir und was können wir tun, um die Entwicklung in der frühen Kindheit zu fördern?
Auf keinen Fall wollen wir mit einfachen Ratschlägen davon abhalten, die Welt mit den Augen eines speziellen Kindes zu betrachten und mit ihm gemeinsam herauszufinden, was für es jeweils gut ist. Kinder kommen sehr unterschiedlich auf die Welt und würde man sie alle gleich behandeln, hätte das sehr unterschiedliche Auswirkungen auf ihre Entwicklung. Kinder sind etwas Besonderes. Sie brauchen Vielfalt und keinen Maßanzug oder ein Kleid von der Stange. Eltern und Erzieher müssen ebenfalls ihren eigenen Weg zum Kind finden. Auch sie sind besondere Persönlichkeiten in einer bestimmten Lebensphase. Alle Eltern, die wir kennen gelernt haben, wollen als Eltern erfolgreich sein. Eine Voraussetzung dafür ist, dass der Umgang mit dem Kind Freude bereitet. Das wird nicht immer gelingen, was nicht weiter schlimm ist, da Eltern nur gut genug sein müssen. Perfektion der Eltern ist nicht nur nicht erforderlich für eine gute Entwicklung, sondern in vielen Fällen wahrscheinlich der Grund für Fehlentwicklung beim Kind. Doch was heißt das »gut genug« bzw. »ausreichend gut« für die Erziehung und Betreuung unserer Kinder? Grundsätzlich sollte ein Kind spüren, dass die Eltern oder BetreuerInnen sich mit ihm freuen und an ihm Freude haben. Wenn die Erwachsenen den Umgang mit den ihnen anvertrauten Kindern genießen können, wird langfristig auch das Kind profitieren. Den Eltern kommt dabei eine bedeutende Rolle zu. Elternsein ist kein kurzer Spurt, eher ein Marathonlauf. Und wenn etwas im Leben Spaß bereitet, dann wird dies auch aufrechterhalten. Sein Kind verstehen und Freude an ihm haben, ist der Grundsatz gelingender Elternschaft und gilt zuvörderst für Eltern und danach gleichermaßen für Pädagoginnen und andere Betreuer des Kindes. In allen Untersuchungen zeigt sich die Bedeutung der Familie für die Entwicklung der Kinder. Selbst dann, wenn die Kinder sehr früh und sehr lange die Krippe besuchen und von anderen Personen als den Eltern betreut werden. Wie ist diese Dominanz elterlichen Einflusses zu verstehen? Eltern geben ihre Gene an ihre Kinder weiter und liefern gleichzeitig die Umwelt dazu mit. Heute wissen wir, dass es auf das Zusammenspiel von Gen und Erfahrung ankommt. Und wenn Eltern nicht persönlich für ihre Kinder sorgen, dann sind sie es, die entscheiden, wem sie ihr Kind wie lange anvertrauen. Sie wählen diese Tagesmutter, diese Krippe, jenen Kindergarten und später die Schule und überprüfen zwischendurch immer wieder, ob ihre Wahl richtig war. Auf Eltern kommt es also in vielfacher Weise an, wie Kinder sich entwickeln. Allein die richtige Krippe für das Kind zu finden und das Hin- und Herwechseln der Kinder zwischen Krippe und Familie für das Kind angemessen zu gestalten, erfordert wichtige Entscheidungen von Eltern.
Wie schaffen Eltern all dies? Nur mit Hilfe anderer. Alle Eltern brauchen Unterstützung, nicht zuletzt durch den Staat. Dieser kann Eltern finanziell unterstützen, ihnen jedoch auch durch ein ausgebautes Jugendhilfe- und Gesundheitssystem bei allen Erziehungs- und Gesundheitsfragen unter die Arme greifen. Nicht zuletzt brauchen Eltern Unterstützung in der Betreuung und Bildung ihrer Kinder und bei der Auswahl des geeigneten Betreuungssettings . Wie Eltern die Qualität der Kinderbetreuung selbst in kurzer Zeit beurteilen können, ist ein Thema, dem wir uns näher widmen.
Aktuell findet bei uns eine massive Ausweitung von Krippenerziehung statt, in den USA gehört Krippenerziehung schon länger zum Alltag vieler Familien. Begleitet wird dieser Prozess von einer vehement und teilweise sehr emotional geführten Diskussion über mögliche Schäden für die betroffenen Kinder. Die Diskussion um Krippe wird oft sehr grundsätzlich und gegensätzlich geführt - für oder gegen die Krippen. Dabei stellt sich diese Frage für viele Eltern gar nicht mehr. Lohnender ist vielmehr die Frage, wie Krippen aussehen müssen, damit sie für Eltern keine Notlösung sind und Elternaufgaben guten Gewissens für einen Teil des Tages an sie abgegeben werden können. Gerade weil die Diskussion mitunter auch ideologiebeladen verläuft, ist eine Versachlichung der Diskussion dringend geboten. Wir wollen dazu beitragen, indem wir uns an den Grundbedürfnissen von Kindern orientieren, unabhängig davon, ob sie in der Familie von den Eltern, außerfamiliär von den Großeltern, einer Tagesmutter, einem Babysitter oder auch in einer Kinderkrippe betreut werden (Greenspan, 2003). Darum sollte es allen an der Krippendiskussion Beteiligten und Interessierten gehen. Eine Zuspitzung der Diskussion auf Familie oder Krippe wird der komplexen Welt von Kindern und ihren Familien nicht gerecht. Für Eltern ist der Beruf heutzutage von zentraler Bedeutung. Ihn aufzugeben ist für eine wachsende Anzahl von Eltern ökonomisch nicht machbar und für andere wiederum nicht wünschenswert. Sie haben viel getan, um so weit zu kommen und wollen das Erreichte nicht gefährden. Steigt man aus dem Beruf aus, ist der Wiedereinstieg oft schwer, manchmal gar unmöglich. Selbst wenn sich hier Veränderungen zum Positiven ergeben, dann gibt es noch die Eltern, die feststellen, dass sie nicht immer um das Kind herum sein können und andere Herausforderungen brauchen. Jedes Elternteil muss diese Entscheidung, ob und wie viel Beruf und Kind, selbst treffen. Elternsein ist eine herausfordernde Aufgabe - die schwerste, die wir im Leben übertragen bekommen. Und die kann man nicht mit halben Herzen erfüllen. Eltern sollten deshalb nicht zu dieser Aufgabe gezwungen werden. Und alleine kann diese Aufgabe keiner erledigen. Darum gilt vor allem für Alleinerziehende: Suchen Sie die Gesellschaft anderer Eltern und nehmen Sie Hilfe in Anspruch! Kinder können von mehreren Bezugspersonen profitieren, wenn die Qualität der Zuwendung gesichert ist. Eltern können ausfallen, regelmäßig während ihrer Arbeitszeit, unplanmäßig und vorübergehend durch Krankheit, Erschöpfung und psychische Unerreichbarkeit für die Kinder zwischendurch oder auf Dauer durch Trennung und Tod (s. Urban & Hartmann, 2005; Hartmann & Grande, 2007). Dann spielen diese Bindungen an andere Bezugspersonen für Kinder eine wichtige Rolle. Durch sie kann selbst ein totaler Verlust einer Bindungsperson bewältigt werden. Eltern brauchen viele Unterstützer bei der Erziehung. Professionelle Helfer in Krippe und Kindergärten spielen dabei eine zunehmend wichtigere Rolle für Eltern und Gesellschaft. Der Berliner Soziologe Lothar Krappmann (Krappmann, 2001) sprach in diesem Zusammenhang schon vor zehn Jahren von einer vierten Sozialisationsinstanz: Neben Familie, Gleichaltrigen und Schule sind Kindergärten ein wichtiger normativer Entwicklungskontext für Kinder und Krippen sind gerade dabei, es zu werden. Wir fragen uns nur: Sind sie dafür gerüstet? Antworten darauf lassen sich wiederum nur mit Blick auf die Grundbedürfnisse von Kindern finden.
Indem wir uns darauf konzentrieren, was Kinder für ihre Entwicklung brauchen, geraten wir auch nicht in die Nähe dessen, was derzeit von Kritikern als Frühförderwahn bezeichnet wird. Geschickt wird Eltern suggeriert, sie könnten ihren Kindern einen Startvorteil in einer zunehmend durch Wettbewerb gekennzeichneten Welt verschaffen. Eltern geben gerne Geld aus oder investieren ihre wertvolle Zeit, wenn sie damit für ihre Kinder etwas Gutes tun können. Sie buchen einen Englisch-Kurs für ihre zweijährige Tochter, damit sie die Weltsprache rechtzeitig lernt, oder kaufen eine Mozart-CD für ihr Baby, weil sie damit seine Hirnentwicklung anregen. Vieles, was der Markt für die schnelle Beschleunigung kindlicher Entwicklung bereithält, ist Scharlatanerie. Kinder sind bestens auf die soziale Welt vorbereitet und lernen alles Wichtige in Beziehungen zu bedeutsamen Bindungspersonen. Kindliche Entwicklung folgt eigenen Gesetzen und in jeder Entwicklungsphase gilt es typische Aufgaben zu bewältigen. Diese Entwicklungsaufgaben wollen wir unseren Lesern ebenso nahebringen wie die Bedeutung der Erfahrung eigener Wirksamkeit von Kindern bereits im ersten Lebensjahr. Durch viele solcher Erfahrungen wächst die innere Überzeugung, Probleme aus eigener Kraft bewältigen zu können. Und wenn dies trotzdem nicht gelingt, dann haben kompetente Kinder gelernt, sich eben an andere Personen zu wenden. Fachleute umschreiben das Gesagte mit dem Begriff »Bewältigungsmotivationssystem«, eines der großen Schutzsysteme für die menschliche Entwicklung. Weitere Schutzsysteme stellen die Fähigkeit, sich selbst zu regulieren, Bindungsbeziehungen zu verantwortlichen Erwachsenen und schließlich die Familie, Gleichaltrige und insgesamt soziale Unterstützung dar. Da das Leben voller Risiken steckt, ist die frühzeitige Förderung solcher Schutzsysteme für die gesunde Entwicklung unserer Kinder von zentraler Bedeutung. Denn Risiken sind Bestandteil des Lebens und können nicht vollständig von unseren Kindern fern gehalten werden. Selbst wenn, so wäre dies nicht sinnvoll. Denn - werden Kinder auf die Bewältigung von Risiken vorbereitet und darin unterstützt, so werden sie weiter gestärkt.
Anstatt Ratschläge nach dem Motto »So zeigen Sie ihrem Kind Grenzen auf« zu geben, wollen wir mit unserem Buch Leser dazu anregen, sich auf ihr Kind einzulassen. Mit verlässlicher Information wollen wir ein vertieftes Verständnis für Kinder und ihre Entwicklung in den ersten Lebensjahren fördern. In den letzten dreißig Jahren hat das verfügbare Wissen darüber, wie Elternschaft selbst unter widrigen Bedingungen gelingen kann und was Kinder brauchen, um sich erfolgreich zu entwickeln, enorm zugenommen. Das Wissen, auf das wir bauen, wurde durch Langzeitstudien (K. Grossmann & Grossmann, 2004; L. Alan Sroufe , Egeland , Carlson, & Collins, 2005) gewonnen und hat sich vielfach über Forschergruppen und unterschiedliche Kulturen hinweg bestätigt. In einer Studie in den USA, finanziert und organisiert vom »National Institute of Child Health and Human Development «, untersuchen 59 namhafte Forscher im Verbund seit 1991 1364 Kinder von der Geburt bis zu ihrem 15. Lebensjahr, um Auskunft zu Auswirkungen von Erfahrungen in Familie, Krippe und Schule zu geben (NICHD Early Child Care Research Network , 2005). Selbst wenn die Wissensbasis im Bereich frühkindlicher Entwicklung und Erziehung enorm angewachsen ist, können wir bei Weitem nicht alle Fragen beantworten. Wir werden dennoch versuchen, die wichtigen Aspekte umfassend zu diskutieren. Auf keinen Fall wollen wir unsere Privatmeinung als psychologisches oder wissenschaftliches Faktum verkaufen. Der berühmte Psychologe und Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Psychologie William Stern hat Personen, die dies tun, verächtlich »Deutungspfuscher« genannt. Diesem Vorwurf wollen wir uns erst gar nicht aussetzen. Verlässliche Informationen bedeuten schließlich auch, dass wir unsere Aussagen, soweit die Lesbarkeit des Textes nicht zu sehr darunter leidet, überprüfbar gestalten. Darum nennen wir zwischendurch immer wieder Referenzen. Wenn wir etwas gut verstehen wollen, müssen wir versuchen, es zu ändern oder in der Praxis anzuwenden ( Bronfenbrenner , 1981). Wissenschaft und Praxis können sich gegenseitig erfolgreich ergänzen. Wir werden immer wieder eigene Praxiserfahrungen einfließen lassen, als Erziehungsberater, als Familientherapeut sowie als Projekt-Leiterin einer Krippe mit integriertem El-tern-Café und ambulanten Frühen Hilfen für stark belastete Eltern.
Kinder brauchen Beziehungen
Kinder kommen sehr hilflos auf die Welt. Andererseits konnte die Säuglingsforschung eindrucksvoll belegen, wie sehr Neugeborene von Anfang an auf die soziale Welt vor bereitet sind. Sie besitzen gut ausgeprägte Orientierungsfähigkeiten und wenden ihr Köpfchen bereits nach der Geburt bevorzugt in Richtung einer menschlichen Stimme oder eines Gesichtes. Natürlich ist ihre Sehkraft noch nicht mit der eines Erwachsenen vergleichbar. Ihre Fähigkeit, scharf zu sehen, ist für Entfernungen von etwa dreißig Zentimetern mit am besten ausgebildet. Dies entspricht der Entfernung zum Gesicht der Eltern, wenn Kinder in ihrem Arm liegen. Von Anfang an können Kinder die auf sie unablässig einströmenden Umweltreize strukturieren und ordnen oder aber auch ganz ausschließen. Über die Ohren, Augen, den Tast- und Geruchssinn sowie über die Rückmeldungen im eigenen Körper ( propriozeptive Reize) strömt eine Vielzahl von Reizen auf den Säugling ein. Laufend erhält er Eindrücke aus seiner Umwelt gleichzeitig auf unterschiedlichen Sinneskanälen. Will eine Mutter ihr weinendes Kind beruhigen, so tröstet sie mit unterschiedlichen Sinnesmodalitäten gleichzeitig: Sie spricht beruhigend auf es ein und bewegt dazu passend ihr Gesicht, nimmt es auf den Arm, streichelt sanft über das Köpfchen und drückt es eng an ihren Körper, passend dazu wiegt sie rhythmisch ihren Körper in runden Schaukelbewegungen. Das Trösten ist also eine ganzheitliche Gestaltung von gleichzeitig ablaufenden Vorgängen auf mehreren Sinneskanälen. Die Botschaften ergänzen sich, sind synchron. Die tröstende Stimme kann sehr schnell und bereits aus der Distanz eingesetzt werden, z.B. wenn die Mutter noch in einem anderen Raum ist, während das Kind anfängt zu weinen. So handeln die meisten Eltern automatisch auf der ganzen Welt. Darum sprechen Fachleute auch vom intuitiven Elternverhalten ( Papousek , 2004). Manche Eltern setzen ihre Stimme jedoch zu wenig ein, z.B. jugendliche Eltern, und verzichten somit auf den wichtigen akustischen Sinneskanal. Sie kommen sich komisch dabei vor, wenn sie mit übertriebenem Ausdruck, der so genannten Ammensprache, zu einem Baby sprechen. Außerdem, so sagen sie, verstehe das Baby ja noch nichts. Dabei kommt es gar nicht auf das gesprochene Wort an, sondern nur auf die beruhigende Wirkung der Stimmmelodie. Bei anderen Eltern sind die Berührungen und Bewegungen eckig und kantig, anders als die tröstende Stimmmelodie. Oder das Gesicht ist ausdruckslos. In diesem Fall passen die Botschaften auf den unterschiedlichen Kanälen nicht zusammen, wie bei einem schlecht synchronisierten Film. In der Tat können drei Monate alte Kinder einen falsch oder schlecht synchronisierten Film von einem gut synchronisierten, in dem Ton und Bild übereinstimmen, unterscheiden ( Bahrick , 2002). Falsch synchronisiert wäre ein Film, in dem ein wegfahrendes Auto zu sehen und dazu das Motorengeräusch eines heranfahrenden Autos zu hören ist. Schlecht synchronisiert sind auch Filme, in denen sich die Lippen der Schauspieler immer zeitlich verzögert zum passenden Ton bewegen. Anhand von Rhythmus, Tempo und Gleichzeitigkeit können Säuglinge bereits früh erkennen, welche der auf den unterschiedlichen Sinneskanälen empfangenen Informationen zusammenpassen. Und schon sind die Eindrücke etwas mehr geordnet und nicht mehr ganz so chaotisch. Durch den Einsatz unterschiedlicher Sinneskanäle werden die Botschaften der Eltern nicht nur verstärkt, sondern kommen zuverlässiger beim Kind an. Diese so genannten amodalen Fähigkeiten entwickeln sich in den ersten Monaten in rasantem Tempo (Dornes, 1993, 2000).
Von Anfang an bevorzugen Säuglinge menschliche Gesichter vor anderen komplexen Mustern, die man ihnen zeigt. Bereits wenige Stunden nach der Geburt strecken sie einem Erwachsenen die Zunge entgegen, wenn der seine Zunge herausstreckt. Es sieht so aus, als ob Säuglinge, nur wenige Stunden alt, Erwachsene nachahmen könnten. Selbst wenn man damit die Fähigkeiten des Säuglings überschätzt, wie man heute weiß (Jones, 1996), so reagieren Erwachsene entzückt und fühlen sich angezogen. Angefangen von der äußeren Erscheinung, dem Kindchenschema, bis hin zu konkretem Verhalten, wie dem Weinen, kann sich ein Neugeborenes die Zuwendung Erwachsener sichern. Und dies ist sinnvoll und notwendig, denn ohne diese Zuwendung kann das menschliche Neugeborene nicht überleben.
Der Schweizer Biologe Adolf Portmann bezeichnete das Neugeborene als physiologische Frühgeburt, das im Vergleich zum Tier ein Jahr zu früh auf die Welt kommt. Dies ist der Preis für die beachtliche Hirnentwicklung beim Menschen, die eine Geburt genau dann erzwingt, wenn die Kopfgröße gerade noch durch den Beckendurchtritt der Frau passt. Deshalb wird das erste Lebensjahr oft als extrauterines Frühjahr bezeichnet, um zu verdeutlichen, dass Säuglinge im ersten Jahr ohne den Schutz der Gebärmutter besonders verletzlich sind. Die Gebärmutter der Mutter wird durch den sozialen Uterus der Erwachsenen-Kind-Beziehung ersetzt, der dem Säugling aufgrund seiner besonderen Verletzlichkeit die nötige Wärme, Nahrung und Schutz gibt. Kinder brauchen Beziehungen, um zu wachsen und zu gedeihen. Nur wenn es ihnen gelingt, eine Beziehung zu Personen aufzubauen, die sie schützen, ernähren und fördern, ist ihr Überleben gesichert. Es macht darum keinen Sinn zu behaupten, dass ein Säugling nur danach trachte, die Oberhand über die Erwachsenen in seiner Nähe zu erhalten und sie zu terrorisieren, wie uns Anhänger der längst überholten Verwöhntheorie einreden wollen. Die gesamte Entwicklung ist ein Prozess, in dem sich zunehmend komplexere Fähigkeiten beim Kind entfalten. Grundlage dieses Prozesses sind wesentliche Beziehungen, die durch Gegenseitigkeit und Verlässlichkeit geprägt sind.
»Selbst Jungen und Mädchen mit einer ungünstigen Anlage haben gute Chancen, sich zu entwickeln, wenn die Bedingungen stimmen. Und so gelte es vor allem, Mütter frühzeitig in ihrer Rolle zu stärken, sagt der Hamburger Wissenschaftler Suess, der seine Erkenntnisse gerade in seinem Buch niedergeschrieben hat.«
Katja Thimm, Spiegel, 6.4.2009
Klett-Cotta Kinder fordern uns heraus
1. Aufl. 2009, 283 Seiten, broschiert
ISBN: 978-3-608-94548-5
autor_portrait

Gerhard J. Suess

Gerhard J. Suess, Dr. phil. habil., Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Familientherapeut, ...

autor_portrait

Edith Burat-Hiemer

Edith Burat-Hiemer ist Erzieherin, Diplom-Sozialpädagogin, Diplom-Pädagogin, STEEP-Beraterin, Projektleiterin Kinderkrippe und Elterncafé »mamamia« ...

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