Veränderung in der Psychoanalyse

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Wenn wir verändern wollen, müssen wir uns verändern (lassen)

Der Autor schildert in anschaulichen Fallbeispielen, wie es in der therapeutischen Begegnung zu stillschweigenden Mikroveränderungen beim Psychoanalytiker kommt. Er ruft ihn auf, seine fundamentalen Überzeugungen permanent zu hinterfragen. Nur dann können Therapien bleibende Wirkungen zeigen.

Was führt zu Veränderungen in einer Therapie? Es ist die therapeutische Begegnung: Die spezifische Wechselwirkung der subjektiven Welten im analytischen Prozess verändert Patient und Therapeuten. Der Autor schildert in anschaulichen Fallbeispielen, wie es dabei zu stillschweigenden Mikroveränderungen beim Analytiker kommt. Er ruft ihn auf, seine fundamentalen Überzeugungen permanent zu hinterfragen. Nur dann können Therapien bleibende Wirkungen zeigen. Um zu verändern, müssen wir uns selbst verändern lassen. In diesem Sinne ist nicht nur die Therapie, sondern auch Heilung und Scheitern des analytischen Prozesses ko-konstruiert.

Zielgruppe:
- PsychoanalytikerInnen
- tiefenpsychologisch arbeitende Therapeuten
- Gestaltpsychotherapeuten

Inhaltsverzeichnis
Vorwort von Donna Orange 9
1. KAPITEL
Neue Perspektiven der Psychoanalyse - Drei Thesen 13
1. These: Das Primat der wechselseitigen Beeinflussung 13
2. These: Das Primat der Subjektivität 14
Klinisches Beispiel I 16
Klinisches Beispiel II 22
3. These: Das Primat der Ko-Determinierung 6
Zum Thema »Theorie« 26
Die im isolierten Geist implizierte Einseitigkeit 29
Die Einzigartigkeit der psychotherapeutischen Dyade: zwei Dilemmata 33
Zur praktischen Herangehensweise an das intersubjektive Feld 36
Die kritische Zuspitzung 40
Klinisches Beispiel III 42
2. KAPITEL
Aggression 46
Fallbericht Frau M. 48
Theoretische Überlegungen 52
Angeborene versus reaktive Aggression 55
Eine relationale Sichtweise 61
Eine feministisch-relationale Sichtweise 65
Die Theorie der motivationalen Systeme 76
Eine intersubjektivistische Perspektive 81
Eine kleinianische Sichtweise 89
3. KAPITEL
Kollidierende Erfahrungswelten 96
Die therapeutische Begegnung mit Herrn U., dem »unbekannten Soldaten« 102
Einleitende Bemerkungen 102
Fallbericht 105
Abschließende Bemerkungen und theoretischeÜberlegungen zu der Begegnung mit Herrn U. 117
Die therapeutische Begegnung mit Herrn G. 119
Einleitende Bemerkungen 119
Fallbericht 121
Nachträgliche Überlegungen zur Rolle der Subjektivität des Analytikers 138
4. KAPITEL
Die ödipale Phase und das postödipale Objekt aus intersubjektivitätstheoretischer Sicht 142
Die therapeutische Begegnung mit Frau M.: ödipales Begehren in einer Serie von Träumen 155
Epilog 163
Danksagung 175
Literatur 177
Über den Autor 181

Leseprobe
Vorwort von Donna Orange
»Die Posaune wird ertönen«, weissagt der Bass in Georg Friedrich Händels berühmter Arie, »und wir werden verwandelt werden«. In der Psychoanalyse erschallen zwar keine Posaunen, doch wenn wir uns der intersubjektiven Komplexität, zu der uns Chris Jaenicke einlädt und herausfordert, nicht verschließen, werden auch wir eine tiefe Wandlung erfahren. Wir sind, um ihn selbst zu zitieren, »aufgerufen, unsere fundamentalen Organisationsprinzipien partiell zu reorganisieren. Ich behaupte, dass die Therapie keine bleibende Wirkung zeigen wird, sofern wir nicht imstande sind, dieser Herausforderung gerecht zu werden und die Tiefe unseres eigenen Beteiligtseins anzunehmen. Um zu verändern, müssen wir uns selbst verändern lassen« (S. 26).
Die Frage, die unsere Patienten an uns richten, lautet, »ob wir willens sind, mit ihnen bis auf den Grund zu gehen« (S. 41). Die eigene Stimme, zu der Jaenicke mehr und mehr findet, indem er uns »die Risiken der Verbundenheit« schildert, erinnert mich an den alten Sándor Ferenczi, der es zuließ, dass seine Patienten ihn belehrten, ihn kritisierten, an ihm zweifelten, ihn supervidierten, ja sogar analysierten. Wenngleich Ferenczi am Ende einsah, dass die mutuelle Analyse - das Ergebnis seiner eigenen erfolglosen Analyse bei Freud - zwangsläufig scheitert, blieb er der Überlegung treu, dass jede wirklich engagierte Analyse beide Beteiligte verändert. Von der Leidenschaft und Aufrichtigkeit, mit der Ferenczi sich der klinischen Arbeitet widmete, kündet auch Chris Jaenickes Buch.
Der Philosoph Ludwig Wittgenstein ermahnte uns, den Unterschied zwischen Sagen und Zeigen zu beachten. Wir können das, was gesagt wird, mit den - freudianischen, kleinianischen, relationalen, selbstpsychologischen, motivationalen - psychoanalytischen Theorien abgleichen, die Jaenicke meisterlich handhabt, um Aggression, Sackgassen (»kritische Zuspitzungen«) und die Ödipalität zu untersuchen. Was nicht gesagt, sondern nur gezeigt werden kann, wird sichtbar, wenn er sich der intersubjektiven systemischen Theorie zuwendet. Ein Intersubjektivist kann seine Theorie, wie ich selbst immer wieder festgestellt habe, nur mit Hilfe persönlicher Berichte einleuchtend darlegen. Um die »therapeutische Wirkung« intersubjektiv-systemisch zu erklären, muss ich beschreiben, was beide Beteiligte ins Feld hineintragen und wie komplex und interdependent die Prozesse ihrer wechselseitigen Beeinflussung sowie der asymmetrischen Rollenverantwortung sind. Ich muss erläutern, wie mein Patient und ich einander verändern und wie wir beide durch unsere gemeinsame Arbeit, unser Spiel, unser Ringen verändert werden.
Indem Sie mit ihrem unverwechselbaren Bedürfnis, Resonanz zu finden und angenommen zu werden, in der nächsten Sitzung mein Behandlungszimmer betreten, wecken Sie, selbst wenn mir eigene innere Regungen das Mitfühlen erschweren oder verwehren, meine Demut und verändern mich. Angesichts Ihres tiefen Leids, Ihres Kummers, der Sie vor meinen Augen zu Tode quält, fühle ich mich in einer Weise verwandelt, für die ich keine Worte finde. Angesichts Ihres an mich gerichteten Appells, Ihre Verzweiflung nicht zu ignorieren, indem ich mich einfacheren Problemen zuwende, verändere ich mich. Angesichts Ihres unverkennbaren Reichtums und Ihrer Privilegien, die meine kleinmütige Scham wecken, verändere ich mich. Angesichts Ihrer von Gewalt und Verlassenheit geprägten Lebensgeschichte, die mich an meine eigene Erniedrigung, aber auch an unser beider Menschlichkeit erinnert, verändere ich mich. Angesichts des Seelenmordes, den Ihre Eltern an Ihnen begingen, die Sie vor ihrem Hass und ihrer Grausamkeit nicht bewahrten und sogar noch heute meine eigene Fähigkeit und meinen Wunsch, zu trösten und zu beschützen, hintertreiben, werde ich demütig. Angesichts Ihres Bedürfnisses und Verlangens, so, wie Sie sind, Kind und erwachsener Mensch, geliebt und wertgeschätzt zu werden, und meines eigenen vielschichtigen Bedürfnisses, zu lieben und wertzuschätzen sowie geliebt zu werden, fühle ich mich herausgefordert und verändert.
Infolge unserer persönlichen »Teilnahme am Leiden des Patienten« (Jaenicke) werden wir »verwandelt werden«.
Ich danke dir, Chris, für dieses Buch.
Donna Orange, April 2010
1. KAPITEL
Neue Perspektiven der Psychoanalyse - Drei Thesen
Es war einmal eine Grundannahme der Psychoanalyse, dass es in der Psychotherapie um einen Therapeuten gehe, der einen leidenden Patienten zu heilen versucht. Um diese schwierige Aufgabe zu meistern, legten wir uns ein Rüstzeug aus theoretischem Wissen zu, absolvierten eine umfassende Ausbildung und unterzogen uns vor allem selbst einem langjährigen therapeutischen Prozess. Wir wussten, dass die Möglichkeit, Andere zu verstehen, mit dem Verstehen unser selbst beginnt. Uns war klar, dass wir uns in diesem Sinne das Handwerkszeug für unsere Arbeit beschaffen und dass wir selbst die Instrumente sind.
1. These: Das Primat der wechselseitigen Beeinflussung
Trotzdem hat die Haltung, dass der Therapeut mit dem Patienten und für ihn etwas tut, unsere Arbeit einseitig charakterisiert. Die Zuschreibung der Therapeuten- und Patientenrolle macht dies plausibel. Der Patient sucht Hilfe, und wir gewähren sie ihm. Unter dem Aspekt der Rollenverteilung in der therapeutischen Dyade besteht diese Asymmetrie nach wie vor. Zwei Dinge haben sich jedoch verändert: Wir wissen inzwischen, dass auf der Ebene der menschlichen Interaktion völlige Bi-Direktionalität herrscht. Die Säuglingsforschung und die Neurowissenschaften stützen unsere Ansicht, dass sich die Menschen fortwährend wechselseitig regulieren. »Die wechselseitige Beeinflussung ist keine Vorschrift für eine besondere analytische Haltung oder Intervention, vielmehr eine unerlässliche Bedingung zwischenmenschlicher Beziehungen« (Teicholz, 2007, S. 4). Einseitiges Handeln gibt es nicht. Jedes Handeln, Fühlen und Denken ist in intersubjektive Felder eingebettet. Deshalb sprechen wir vom intersubjektiven Feld der Psychotherapie als einer unteilbaren Einheit. Weder die Henne noch das Ei war eher da: Vom ersten Augenblick unserer Begegnung an sind wir mitten im Prozess der wechselseitigen Beeinflussung. Wir denken und fühlen nicht losgelöst vom Einfluss des Anderen und der mannigfaltigen Felder, denen wir zugehören. Das heißt freilich nicht, dass da draußen keine Realität existierte; wir sagen nur, dass wir uns nicht außerhalb dieser Realität verorten können, wie auch immer wir sie wahrnehmen. Es gibt kein Außerhalb (Orange, 2002).
2. These: Das Primat der Subjektivität
Die zweite neue Entdeckung, die unser Verständnis des psychotherapeutischen Prozesses grundlegend verändert hat, betrifft das Primat der Subjektivität. Über alles, was wir anschauen, breitet sich der Schleier unserer Subjektivität. An jedem Baum, jeder Lampe, jeder Person, die wir wahrnehmen, klebt unsere Subjektivität. Es gibt keinen Gedanken, kein Wort, kein Gefühl oder kein Handeln unserem Patienten gegenüber, das nicht hochgradig subjektiv wäre. Unsere Wahrnehmungen sind nichts Gleichbleibendes, sondern von unserer Affektivität genährt und mit unserer Subjektivität durchtränkt.
Zwar ist es nicht neu für uns, zu sagen, dass unsere Interaktionen von der Subjektivität gesteuert und unsere Reaktionen von unseren Auswahlen und Auslassungen bestimmt sind, dennoch denke ich, dass wir die Rolle, die unsere Subjektivität in unserer Arbeit mit Patienten spielt, in ihrem ganzen Umfang noch nicht anerkannt haben. Auch unsere Auffassung des Übertragungsgeschehens ist inzwischen genügend verfeinert und lässt uns eher von unserer Übertragung als von Gegenübertragung sprechen. Gleichwohl hoffe ich, mit dieser Arbeit zu einem besseren Verständnis des tiefen Einflusses unserer Subjektivität beizutragen. Meine langjährige Erfahrung als Supervisor und zahlreiche Stundenprotokollanalysen haben mich zu einer Neueinschätzung der Subjektivität des Therapeuten im Prozess der wechselseitigen Beeinflussung und somit im therapeutischen Prozess selbst veranlasst. Seither achte ich genauer auf den introspektiven Anteil des empathisch-introspektiven Untersuchungsmodus. Ich habe die mit der Empathie verknüpften Schwierigkeiten ausführlich beschrieben (Jaenicke, 1987, 1993, 2006), mittlerweile aber neue Einsichten gewonnen, wie Introspektion und Empathie miteinander verwoben sind.
Mit der Beschreibung der Empathie als stellvertretende Introspektion ist unser Anteil am Prozess nicht ganz erfasst, denn sie legt zu viel Nachdruck auf den Anderen und zu wenig darauf, wie das Verstehen des Anderen mit dem Verstehen unser selbst gekoppelt ist. Wir können den Anderen lediglich durch die Linse unserer eigenen Subjektivität wahrnehmen. Um ihn zu verstehen, müssen wir ergründen, wie wir wahrnehmen. Dies konfrontiert uns mit einer schwierigen Aufgabe, ist es doch fast unmöglich, unsere eigene Haltung im Blick zu haben und gleichzeitig den Anderen nicht aus den Augen zu verlieren. Außerdem ist es schmerzvoll: Wir müssen unsere Sichtweise durchschauen, bevor wir uns von ihr dezentrieren können, und diese Aufgabe ist nicht immer angenehm, da wir uns Myriaden von Reaktionen und Gefühlen gegenübersehen, die uns ein Bild unser selbst vermitteln, das uns manchmal wenig behagt oder sogar befremdet. Folglich hinkt unser Verstehen des Patienten immer hinterher. Im Lauf der Jahre habe ich diese Zeitverschiebung in der Empathie akzeptiert und fühle mich bei offenen Gestalten, wenn mein Verstehen mich im Stich lässt, nicht mehr so unwohl. Ebenso habe ich die Trial-and-error-Naturr der Empathie akzeptiert und in die Tatsache eingewilligt, dass sie ständige Übung erfordert. An der unabdingbaren Schulung der Introspektion ist für mich neu, dass ich systematisch die Rolle fokussieren muss, die meine Subjektivität beim Verstehen meiner Patienten spielt. Meine Subjektivität im Auge zu behalten stellt neuartige Anforderungen an mich. Das Studium von Verbatimprotokollen ist nicht nur im Hinblick auf den Patienten aufschlussreich; es zeigt uns auch deutlich, wie subjektiv unsere Interventionen sind. Die Reaktionen des Patienten auf uns bringen erbarmungslos ans Licht, wie weit wir uns einem ungefähren Verständnis seiner Person angenähert oder aber die Entfaltung seiner inneren Welt auf ein Nebengleis gelenkt bzw. zur Entgleisung gebracht haben. Dies ist keine implizite Forderung nach perfekter Empathie, vielmehr versuche ich, durch Aufzeigen des Umfangs, in welchem unsere Subjektivität unsere Empathie beeinflusst, die Behinderungen und Beschränkungen unserer empathischen Fähigkeiten zu erklären. Indem ich Subjektivität und Empathie gleichstelle, versuche ich unsere Unvollkommenheit zu systematisieren und uns auf diese Weise ein klinisches Werkzeug für den Umgang mit ihr an die Hand zu geben. Wird uns der Einfluss unserer Subjektivität bewusst, ist es paradoxerweise möglich, unsere Wahrnehmungen aus der Umklammerung unserer subjektiven Welt zu befreien und beim Verstehen der »Wahrheit« unserer Patienten zum dialogischen Ansatz zurückzukehren. Wir verändern, was wir betrachten, durch den Vorgang des Betrachtens und werden - nehmen wir nun den Aspekt der wechselseitigen Beeinflussung hinzu - dabei selbst verändert.
Klinisches Beispiel I
Die im Folgenden geschilderten Stunden stammen aus der von mir supervidierten Behandlung einer 40-jährigen Frau, die bei ihrer Mutter lebt und Handelsvertreterin ist. Sie beschreibt ihre Mutter als kontrollierend und tyrannisierend, als eine Frau, die ihre Grenzen verletzt, sie jedoch in ihren frühen Lebensjahren sich selbst überlassen hatte. Als Kind hatte die Patientin Angst davor, dass ihre Mutter sterben und sie allein zurücklassen könnte. Ihr Vater hatte, ohne sich dagegen zu wehren, unter der Fuchtel ihrer Mutter gestanden, der Familie den Rücken gekehrt und ist wie eh und je nicht verfügbar und Objekt ihrer Sehnsucht. Die Patientin befürchtet grundsätzlich, verlassen zu werden und kein Glück im Leben zu haben. Das Thema ihrer Stunden bilden der Konflikt zwischen ihrer Verzweiflung darüber, keinen passenden Mann zu finden, und ihrer Angst vor Nähe sowie ihre Überzeugung, dass nichts, nicht einmal die Therapie, Abhilfe schafft. Die Patientin schildert, wie einer ihrer männlichen Freunde, der verheiratet ist, sie immer dann besucht, wenn er dringend ihren Trost braucht.
P. ... und dann versuchte er mich zu küssen. Warum bloß? Er ist doch verheiratet!
T. Das enttäuscht Sie. (Auch dass er nicht verfügbar ist, aber trotzdem Annäherungsversuche macht, verärgert die Patientin.)
P. Ja, total. Ich habe ihm einen Abschiedsbrief geschrieben. Da ist ihm das Herz in die Hose gerutscht. Warum? (Der Patientin bleibt seine Angst rätselhaft, weil er eine Lebensgefährtin hat.)
T. Es ist also oft sehr schmerzhaft, wenn Sie Nähe zulassen. Und in der letzten Stunde haben Sie über Ihre Angst vor Nähe gesprochen. Die macht es Ihnen nicht leicht, mit jemandem eine Beziehung anzufangen, weil es immer in einer Katastrophe endet. (Die Supervisandin zieht es vor, die Angst der Patientin und nicht ihre Entrüstung anzusprechen.)
P. Ja. Die Partnersuche per Inserat hat auch nicht geklappt. Ich bin zu alt. Es ist einfach zu vertrackt.
T. Demnach haben Sie wenig Hoffnung, dass die Therapie etwas ändern könnte.
P. Nein, sie wird nichts bringen. Ich werde mir meinen Wunsch nach einem Ehemann und einem Kind abschminken müssen.
T. Heute sprechen Sie Ihren Wunsch nach Nähe und Ihre Befürchtung aus, dass der Weg zu lang, fruchtlos und beschwerlich sei ... Sie haben einen ersten großen Schritt getan, indem Sie hierherkommen und ein wenig Nähe zulassen.
P. Ja, aber nur eine Stunde lang.
T. Das macht Ihnen nicht so viel Angst und beruhigt Sie.
P. Ja, drei Stunden in der Woche wären mir zu viel. Doch wenn Sie fortgehen würden, würde ich mich an Sie klammern. Das ist das Komische an mir. Eine Stunde ist zu wenig, aber ich habe auch Angst davor, dass jemand Besitz von mir ergreift. Ich fürchte, ich finde nie einen Partner. (Sie weint.)
T. Meiner Erfahrung nach hilft die Therapie ...
P. Ja, vielleicht, aber es liegt ja nicht allein an mir. Mir laufen einfach keine alleinstehenden Männer über den Weg. Überall nur Frauen, es ist grauenhaft ...
Den größten Teil der Stunde behält die Supervisandin den Wunsch der Patientin nach Nähe und ihre Angst vor Vereinnahmung im Blick. Unerwähnt lässt sie deren Empörung darüber, dass dieser Mann etwas von ihr will und gleichwohl nicht verfügbar ist. Auch wenn sich im Beziehungswunsch der Patientin ein Quäntchen Hoffnung widerspiegelt, ist sie vorwiegend um den konflikthaften, repetitiven und retraumatisierenden Pol ihrer Mutterübertagung - »Ich habe Angst davor, dass jemand Besitz von mir ergreift«, deshalb wären »drei Stunden zu viel« - und ihr Einsamkeitsgefühl organisiert. Sie wünscht sich eine Beziehung, befürchtet aber, vereinnahmt oder im Stich gelassen zu werden - das ist ihr Dilemma. Während des Stundenabschnitts, den diese Vignette zeigt, gelingt es der Supervisandin nicht, bei dem Verzweiflungs- und Sinnlosigkeitsgefühl der Patientin zu bleiben. Ich begann mit ihr zu explorieren, warum sie das Gefühl der Patientin überging und den Nutzen der Therapie betonte. Die Supervisandin sagte, ihr habe die Therapie damals unstreitig geholfen, es sei zwar kein Zuckerschlecken gewesen und sie habe viel gezweifelt, aber letztlich habe sie sie wirklich verändert. Ich erkundigte mich, ob sie die Sicht der Patientin als Angriff auf ihre Überzeugungen erlebt habe. Dem stimmte sie zu. In unserer Diskussion kamen wir zu dem Schluss, dass sie mit dem durchgängig fehlenden Glauben der Patientin an die Therapie in Resonanz getreten sein musste und so daran erinnert worden war, wie beschwerlich sich ihr eigener Weg bisweilen angefühlt hatte, und dass sie - um diese schmerzlichen Erinnerungen zu vermeiden - der Patientin eine Leading-edge-Deutung* gegeben hatte. Dieses Beispiel zeigt prägnant, wie die Therapeutin, nachdem sie ihre Subjektivität zum Gegenstand der Reflexion gemacht hatte, besser verstand, wo der Bruch in der empathischen Verbindung aufgetreten und wie es dazu gekommen war. Uns wurde bewusst, wie dringend die Supervisandin der Stützung ihres Gefühls der Selbstheit durch die Patientin bedurfte. Außerdem erläutert dieses Beispiel, wie schwierig es ist, im Eifer des Gefechts - mitten im Prozess also - introspektiv zu sein, und warum der Dezentrierungsvorgang oft erst später einsetzt. Die folgende Stunde zeigt uns, wie das empathische Band durch die Arbeit der Therapeutin an sich selbst wiederhergestellt werden konnte.
Die Patientin klagt darüber, dass niemand sich einen Begriff von ihrem Single-Dasein machen könne, so als habe sie sich diese Lebensumstände selbst ausgesucht.
T. Und in der letzten Stunde schien ich auch noch zu unterstellen, dass eines Tages alles in Butter ist.
P. Ich habe nur gedacht: »Die hat nicht den leisesten Schimmer.«
T. Das muss Sie enttäuscht haben. Obwohl ich nicht den Eindruck hatte, dass ich Sie in Ihren Augen noch nie verstanden habe.
P. Es bestätigt nur, was mir die ganze Zeit durch den Kopf geht: Niemand bringt mir Verständnis entgegen. Verärgert war ich aber nicht. So liegen die Dinge nun mal.
T. Sie haben da eine tiefe Wunde, das Gefühl, dass Sie nie verstanden wurden.
P. Ja. Das kapiert keiner, und ich trage es auch nicht offen zur Schau. Dass ich mir so klein und verloren vorkomme bei allem, was mit Liebe zu tun hat.
T. Sie fühlen sich in diesen Dingen so unsicher. Weil es Ihnen keiner gezeigt hat. Ihnen wurde immer beigebracht, auf eigenen Füßen zu stehen.
P. Ja. Aber es fehlte auch an Gelegenheiten, einen Mann kennenzulernen. In der Schule gab es nur diese schrecklichen Typen. Und jetzt stecke ich bis über beide Ohren in Arbeit. Das versteht kein Mensch.
T. Aber Sie sind doch von Männern umgeben! (Die Supervisandin erklärte dazu, sie habe sich vorwurfsvoll und ein wenig überlegen gefühlt.)
P. Was soll das heißen? Die gehören alle zur falschen Sorte.
T. (Die Supervisandin merkte, dass es ihr peinlich war und sie sich ein wenig schämte; sie überlegte, ob sie sich nicht wie die Mutter der Patientin verhielt.) Also, ich wollte nur sagen, das kann nicht der einzige Grund sein. (Sie meint die Nichtverfügbarkeit adäquater Männer.)
P. Ich habe keinen. Ich arbeite nur. Leute, die zur Universität gehen, sind anders. Dort gibt es jede Menge Männer.
T. Ich vermute mal, Sie stellen sich gerade vor, dass ich einen Mann habe, den ich von der Uni her kenne, und dass meine Auswahl an Männern dort groß gewesen sein muss.
P. Ja! Genau so!
T. Und ich mir einfach einen von ihnen geangelt und ein Kind bekommen habe. (Die Supervisandin erwähnt ihren Anflug von Sarkasmus.)
P. Ja.
T. Und Ihrem Gefühl nach trennt uns das?
P. Ja. Ich finde es furchtbar. Sie sind auf der anderen Seite der Mauer, das ist das Problem ... der Haken ist doch, dass die richtigen Männer so rar sind. Ich muss aktiver sein, aber es hapert an günstigen Gelegenheiten.
T. Ich nehme an, Sie hatten nie das Gefühl, dass ich das verstanden habe.
2. These: Das Primat der Subjektivität
Erneut hat die Supervisandin die schmerzlichen Gefühle gut im Blick und kann die Verbindung auf der Basis ihrer neugewonnenen Einsicht, dass sie ihre eigenen schmerzhaften Gefühle in der letzten Stunde zu umgehen versucht hatte, wiederherstellen: Sie teilt der Patientin die Art und Weise ihres Nichtverstehens mit. Im Folgenden diskutierten wir den offenkundig stockenden Fluss des Prozesses, die Stelle, an der die Therapeutin die empathisch-introspektive Haltung aufgibt und unvermittelt in ihrer Bemerkung zur faktischen Verfügbarkeit von Männern eine extrospektive, scheinbar objektive Sicht einnimmt. Die Supervisandin erinnerte sich an die Eifersucht ihrer Schwester über ihren Erfolg bei Männern und an die Unfähigkeit ihrer depressiven Mutter, das Glück ihrer Tochter zu tolerieren oder zu teilen. Ihr fiel ihre Schuld ein, weil sie glücklicher war als die beiden, sowie ihre Wut darüber. Es stellte sich heraus, dass ihre Bemerkung über die verfügbaren Männer und ihr Sarkasmus auf dieser Wut sowie dem neuerlichen Wunsch beruhten, alle Schuldgefühle wegzudrängen, weil sie - anders als die Patientin - nicht hoffnungslos war. Sie hatte in den vergangenen beiden Jahren mit ihrer Schwester im Konflikt gelegen, da diese neidisch gewesen war, weil die Supervisandin ein Kind bekommen hatte, während ihre eigenen Versuche, Mutter zu werden, fehlgeschlagen waren. Die Supervisandin rang also mit dem Wunsch, sich über ihr Kind zu freuen und ihrer Schwester gegenüber frei von Schuldgefühlen zu sein. Sie versuchte sich von ihrer Schwesterübertragung auf die Patientin zu dezentrieren, die wegen ihrer Kinderlosigkeit verbittert war. Wir können erkennen, wie das Bedürfnis beider Beteiligten, ihr Subjektivitätsgefühl zu wahren, eine Sackgasse erzeugt, und sogar vorhersagen, dass sich - sollte diese Sackgasse unreflektiert fortbestehen - das bedeutsamere, fundamentalere Gefühl entwickeln könnte, dass beide nicht zueinander passen. Früher hätten wir uns vermutlich in die Konzeptualisierung dieses Sachverhalts als negative therapeutische Reaktion der Patientin geflüchtet. Heute reicht unser Verständnis weiter, denn wir erkennen, wie die wechselseitige Beeinflussung das intersubjektive Feld bestimmt.
»Jaenicke führt anschaulich vor Augen, welch fundamentale Wende die intersubjektive Position mit sich bringt, vor welche Herausforderungen sie den Analytiker stellt, aber auch welche Möglichkeiten sich dadurch eröffnen ... In beeindruckender und mutiger Weise vermittelt der Autor in seinen Falldarstellungen, wie in der eigenen Biographie wurzelnde Wunden und Begrenzungen den Behandlungsprozess behindern, ja blockieren, aber auch fördern können. Jaenicke verschanzt sich in seinem Buch nicht hinter der analytischen Anonymität, sondern schildert in sehr persönlicher Weise, wie eigene schmerzhafte Erfahrungen und eigene biographische Konstellationen mit denen des Patienten oszillieren. Er zeigt, wie das Einlassen auf den Anderen uns immer wieder auf uns zurückführt und wie schmerzhaft dies oft ist.«
Dieter Kunzke, PSYCHE, 1/2012

»Chris Jaenicke, Psychoanalytiker der selbstpsychologischen Schule, zeigt in seinem spannenden Buch, was Intersubjektivität heißt: Therapeut und Patient sitzen in einem Boot, zwei „subjektive Grundüberzeugungen“ und zwei Unbewusste interagieren miteinander und erzeugen gemeinsam einen therapeutischen Raum. … Für die psychoanalytische Theorie ist dies ein wichtiger und bedeutsamer Schritt, denn nun wird der Analytiker vom (deutenden) Objekt zum Subjekt, und damit zutiefst menschlich. Dies zu zeigen, ist der große Verdienst dieses Buches.«
Joachim Weimer, Psychotherapie aktuell, 3/2011

»Anschaulich zeigt Jaenicke in mehreren Fallvignetten, wie die zwei verschiedenen Erfahrungswelten von Patient und Therapeut miteinander kollidieren und durch einfühlsames Verstehen-wollen hierbei ein konstruktives Neues geboren wird. Erfreulich - in dieser Offenheit habe ich dies noch nie in einem Fachbuch gelesen - wie der Autor hierbei zu seinen eigenen Problemen und Unzulänglichkeiten steht und aufzeigt, wie diese mit der Welt der Patienten interagieren, die Therapie vermeintlich behindern und eben doch auch weiterbringen. Gleichzeitig betont Jaenicke aber auch, dass Intersubjektivität nicht heißt, dass der Therapeut nun all seine Schwierigkeiten offenlegt und beide sozusagen in Therapie gehen. Vielmehr geht es um die Offenheit, seine biografisch gewachsenen Grundüberzeugungen zu kennen und zu hinterfragen, um sie für die Therapie fruchtbar zu machen und sich eben selbst auch ein Stück zu verändern. Ein spannendes Buch für Psychotherapeuten, die sich für die Interaktion zwischen Patient und Therapeut interessieren.«
Joachim Weimer, Psychotherapie Aktuell, 3/2011

»Was führt zu Veränderungen in einer Therapie? Diese entscheidende Frage beleuchtet Chris Jaenicke … offen und selbstkritisch. Sein Fazit: es ist die therapeutische Begegnung, deren Herausforderungen sich Patient und Analytiker stellen müssen. Simpel gesagt: „Um zu verändern, müssen wir uns selbst verändern lassen.“ Seine drei Schwerpunkte – das Primat der Subjektivität, das Primat der wechselseitigen Beeinflussung und das Konzept der Veränderung – erläutert er lebendig und spannend.«
Carsten Hansen, buchkatalog.de, Juli 2011

»Es ist Chris Jaenicke wieder gelungen, ein klinisch sehr relevantes, anregendes und anschauliches Buch vorzulegen, mit dem er uns hilft, unsere Patienten und uns selbst gerade in den schwierigen Momenten besser zu verstehen, und von dem ich mir wünsche, dass es viele Kollegen erreicht.«
Frank Horzetzky, bvvp-Magazin, 01/2011

»Dieses Buch ist ein Kleinod. Durch seine Offenheit und seine menschliche Stimme erschließt Chris Jaenicke dem praktizierenden Psychotherapeuten die Theorie der intersubjektiven Systeme. Er lädt uns ein, ihn und seine Patienten auf einem schwierigen Weg zu begleiten, und zeigt uns, wie das tiefe intersubjektive Engagement auch den Kliniker selbst verändert. Mutig und unbeirrbar konfrontiert er uns mit den Implikationen des relationalen Denkens für die Psychoanalyse und die Psychotherapie unserer Tage.«
Donna Orange, Ph. D., Psy. D., Psychoanalytikerin, 05.06.2010
Autorin u.a von »Emotionales Verständnis« und »Intersubjektivität und Intersubjektivität in der Psychoanalyse« 
Klett-Cotta Fachbuch Aus dem Englischen von Elisabeth Vorspohl und Regine Strotbek, mit einem Vorwort von Donna Orange
1. Aufl. 2010, 180 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-608-94671-0
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Chris Jaenicke

Chris Jaenicke, Dipl. Psych., ist Psychoanalytiker, Lehranalytiker, Supervisor und Dozent in der Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und ...

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