Verlangen nach Musik und Gebirge

Roman
Buchdeckel „978-3-608-93571-4
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Sommer 2002. Die Erzählerin: sie kommt als Touristin, für ein Wochenende und eine Verabredung nur, und sie quartiert sich ein im »Malibu« nahe der Seepromenade von Oostende. Schnell hat sich ein kleiner Kreis gebildet, europäischen Zuschnitts, und man ist gewillt, die Zeit zu nutzen: de Rouckl, dauergekränkter Künstlertyp; Willaert, Antwerpener Parfümerist und undurchschaubarer Führer durch das belgische Städtchen; und Roy, der unglücklich Verliebte, der mit seiner Großmutter da ist.
Im Zentrum: die von ihrem Lover begleitete Italienerin Sonja, eine hellblonde Schönheit, die »Schneeantilope«. Bald sind wir mittendrin in Kabale und Liebe.
Daß die Welt nur als Begleitumstand einer Liebe zu ertragen ist, ist nur eine der Erkenntnisse dieses Romans. Ein Maskenball wird hier inszeniert, ein schnelldrehendes Schattenspiel zwischen den Geschlechtern vor dem Hintergrund zeitgenössischer Anblicke: Ferienburgen, Vergnügungs-Gigantomanie und Postkolonialismus. Das Wochenende führt die Gruppe in die Nachtcafés, das Ensor- Haus und zur Baustelle eines maritimen Luxusrestaurants. Wohl nie hat Brigitte Kronauer ihre Sprachmagie aufregender und raffinierter eingesetzt als hier. Von der Sehnsucht in allen und in allem handelt dieser große Roman, der uns mit tausend Verlockungen in seinen Bann zieht. 
Leseprobe
Abteil

Durch und durch rechtwinklig gebaut, der junge Mann, zu allem Übel auch noch rücksichtslos mitteilsam: "Außer Mut und schnellem Geist zu reagieren im Moment von irgendeiner Schwierigkeit..."

Was?

Aber da, ein Weg, der sich um ein rabenschwarzes Waldstück biegt. Da werden wohl Messer gewetzt, Felder, wo es graugrün wächst, weht und sich wellt. Schauplätze, die Färbung und Fäden von früher aufnehmen. Man gerät deshalb nicht aus dem Häuschen.

"... mußt du auch eine einwandfreie technische Vorbereitung haben, die das Wissen umfaßt um die Normen der Sicherheitsbestimmungen für jede einzelne Darbietung und einen unerschöpflichen Wunsch, zu erobern und zu besiegen die eigenen Unschlüssigkeiten."

Unglückswurm!

Da, aufgetaucht und vorübergekreiselt, aus den gekachelten Ställen bäuerlicher Viehhaltung herausgebläht das Reich der Rinder, schönäugige Riesenköpfe, träumerisch kauend über der Gräserwildnis. Badewannen in der Wiesenmitte, Hügel, bedeckt mit Autoreifen. Ein Gemütszustand auf dem Acker in Gestalt einer Katze. Der Zug rast viril davon. Es will nichts besagen, will nichts sagen. Nach Oostende geht die Fahrt. Das könnte man nicht nur bequemer, sondern auch schneller haben.

Man will aber nicht.

"Auf diese Art den Gemeinplatz widerlegend, der die Stuntleute als Verzweifelte sieht, auf der Suche nach adrenalinischen Erregungen, immer schärfer disponiert, das Leben für eine Handvoll Dollars zu verkaufen."

Junger Mensch, finanziert das Runzelmenschlein neben dir deinen Sprachunterricht? Sehr junger Mann, willst du deiner Großmutter beweisen, daß sich die Investition gelohnt hat? Die Großmutter legt ihm begütigend eine gebrechliche Hand aufs Knie. Er merkt nichts.

"Jamie hat sich sofort über unsere physische Ähnlichkeit amüsiert. Sie hat sich nie davon getroffen gefühlt, nicht einmal als Kinder ihr Autogramm von mir verlangten, wie es beim set von ‚True lies' passiert ist. Als wir die Szene drehen mußten, in der Jamie von einer Brücke auf die Limousine fliegt, bereitete ich mich vor, indem ich mein Mantra der Selbstüberzeugung - oder besser Selbstüberwindung? - rezitierte, um eine perfekte Ruhe und Sicherheit zu erlangen. Es geschah mir, daß ich nach unten sah, in den Fluß, wo das Rettungsschiff war mit den Sauerstoffgeräten und einem Arzt, bereit für den Notfall und ich fühlte, wie ein tröstliches Sicherheitsgefühl in mich eindrang. Aber ich wußte noch nicht..."

Man fragt das Großmütterchen, ob sie einen Enkel möchte, der nicht nur tolpatschig Artikel aus italienischen Illustrierten übersetzt, sondern einen, der selbst auch Stuntman wird. Controfigura, nicht wahr, so heißt es doch? Nur, um ihr neckisch sich gruselndes, "Ahaha!" zu hören.

"An diesem Abend schickte sie mir eine Flasche Champagner ins Zimmer, einen Glückwunsch und das Foto, das sie geschossen hatte während meiner Rettung mit dem Helikopter. Ihre Worte zitterten vor Stolz wie die einer Schwester oder Mamma. Dies hier ist für mich die Art des Gefühls, für die sich auch die Mühe lohnt, weil du dich geschätzt fühlst für das, was du wirklich bist."
Klett-Cotta
2004, 389 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-608-93571-4
autor_portrait

Brigitte Kronauer

Brigitte Kronauer, 1940 in Essen geboren, lebte als freie Schriftstellerin in Hamburg. Ihr schriftstellerisches Werk wurde unter anderem mit dem ...

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