MERKUR

Heft 11 / November 2014

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Zitate aus dem Novemberheft 2014, Nr. 786

Der kommunistische Widerstand gegendas Naziregime spielt in der Erinnerungskultur der heutigen Bundesrepublik nureine marginale Rolle. Das gilt in Relation zur Zahl der Opfer, die dasEngagement deutscher Kommunisten gegen die Herrschaft Hitlers gefordert hat,und es zeigt sich in der Blässe des Bildes, das unsere Gegenwart von dieserzahlenmäßig breitesten Bewegung des deutschen Antifaschismus bewahrt hat.

Martin Sabrow, Die vergessene Erinnerung

 

Zählen niederer Status im literarischen Gattungsgefüge undmoralische Bedenklichkeit der Wirkungen des Romans zu den Topoi der Kritik bisweit ins 19. Jahrhundert, so die Klagen über seinen Niedergang, ja seineUnmöglichkeit zur konstanten Begleitmusik seiner modernen Geschichte … Nie warmehr Roman als heute, dennoch lassen sich Verfallstendenzen innerhalb dieserKönigsdisziplin der Epik kaum noch übersehen. Anleiten soll die Frage, ob sichein Zusammenhang von inflationärer Produktion, schwindendem Gewicht derArtefakte und dem damit verbundenen Bewusstseinsschwund für die Anforderungender Großgattung behaupten lässt.

IngoMeyer, Niedergang des Romans?

 

Berlin war früh und für langeZeit Zielpunkt ländlicher Migration … hier findet der Vormärz-Eckensteher seinangemessenes sozioökologisches Milieu. Bei all dem bleibt allerdings die Frage,wovon der Eckensteher eigentlich lebt … Das notorische Nichtstun an der Eckeentpuppt sich als Wartezeit, die lässige Selbstzurschaustellung als Teil einerArbeit, die sich von der Freizeit nicht mehr zu unterscheiden lässt … Insofern istder Vormärz-Eckensteher eine überaus aktuelle Figur – der Eckensteher alsVerwandter und Vorläufer des Hipsters.

PatrickEiden-Offe, Hipster-Biedermeier und Vormärz-Eckensteher

 

Irgendwann sind keine Melonenverkäufermehr am Straßenrand zu sehen. Eine Busstunde östlich von Chisinau ist dieGrenze erreicht, die kein Staat der Welt anerkennt. Sie zu ignorieren, könntemit einer Kugel im Rücken enden. Hier, auf Moldaus Seite, nur Gendarmerie.Dort, auf Seiten der PMR, Straßensperren, Stacheldraht, bewaffnetes Militär inTarnuniform … Heute Abend müssen alle Ausländer wieder raus sein. Außer denRussen. Willkommen zurück im Kalten Krieg.

KaiAlthoetmar, Moldau

 

Das orthodoxeTraditionsverständnis suggeriert Kontinuität, unterschätzt fundamentalen Wandelund kann revolutionäre Brüche und Diastasen gar nicht wahrnehmen; dies belegtdie »Sozialdoktrin« in den nur raunenden, vagen, beschönigenden Andeutungenüber die Rolle der Kirche in der Sowjetunion … Die Russisch-Orthodoxe Kirchewill Einfluss nehmen, und sie nimmt erfolgreich politisch Einfluss – jedenfallsin Fragen von Moral und Ethik.

FriedrichWilhelm Graf, Die »Sozialdoktrin« der Russisch-Orthodoxen Kirche

 

Emmanuel Carrères Bücher sind Romane vom Ich. Das Ichhält alles zusammen, aber nicht als narzisstische Instanz, die imBeziehungswahn alles auf sich orientiert … Das Leben der anderen schildert ermit der Nüchternheit des Berichts. Und auch sich selbst nimmt er nüchtern,gerade darin liegt eine Brutalität. Er blickt auf das eigene Leben, als wäre esdas eines andern, lässt nichts aus, schönt nichts, bezeugt sein Tun und Lassenauf dieser Erde, als privilegierter Beobachter jener einzigen Person, dereninneres Erleben er kennt, ohne es erfinden zu müssen.

EkkehardKnörer, Die erste Person: Emmanuel Carrères Romane vom Ich

 

Knausgard fordert hermeneutisch erprobte Lesegewohnheitenheraus, indem er ständig Spuren legt, die ins Nichts führen: Eine große Möwetaucht in den Tagen nach dem Tod seines Vaters an einem verschlossenen Fensterseines Hauses auf und scheint um Einlass zu bitten. Das heißt gar nichts. Siebleibt draußen, der Text macht weiter, wie auch das Leben weitermacht, alsoblind für Bedeutung, die erfunden werden muss.

HannaEngelmeier, Totalismus

 

Das unauflösbare Gewebe vonLiteratur und Autorfigur im Falle Christian Krachts scheint für dieÖffentlichkeit ein großes Problem. Die Selbstinszenierung des Schriftstellersals Teil seines Werkes und seine daraus resultierende Fiktionalisierung, aberauch kulturpolitische Entmachtung, hat ganz offensichtlich nicht wenigeRezensenten im deutschen Sprachraum verstört.

MatthiasN. Lorenz, Der freundliche Kannibale

 

Die Vergangenheit des Nationalsozialismus ist präsent, inGestalt von Denkweisen und sprachlichen Wendungen, als psychisches undpsychosomatisches Symptom. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass Angehörigeder »dritten Generation« heute Bücher schreiben, die sich mit der familiärenErinnerung an die Zeit und ihre Folgen beschäftigen und dabei implizit oderexplizit über Erinnerung und Sprache reflektieren ... In ihren literarischen Debütssehen sich sowohl Per Leo als auch Katja Petrowskaja einer nur fragmentarischüberlieferten Familiengeschichte gegenüber, in der mehr nicht gesagt als gesagtwird.

Ulrich Gutmaier, »Würdigtdie Katastrophe in angemessener Weise«

 

Wenn die Selbstverständlichkeit einer sprachlich zubesitzenden und zu handhabenden Realität sich auflöst, bedeutet das, daßRealität in der Sprache sich als leer entlarvt. Daß zugleich die Fiktion derliterarischen Redeweise, des Gefühlsausdrucks im Gedicht wie des Motiv- undHandlungszusammenhangs in Roman und Drama, sich, entgegen den Beteuerungen des19. Jahrhunderts und der bis heute gültigen Theorie des sozialen Realismus,auch als bloß gesetzt erweist … Daß dadurch erst die kombinatorische Fähigkeitder Sprache als etwas Konstituierendes in ihre Position gebracht wird und,einmal in dieser Position, selber erfindet.

HelmutHeißenbüttel, Der Zerfall der Fiktion der Realität

 

Die Kohlmeisen existieren nah ander Grenze zum Tod, gerade noch getragen von der Oberflächenspannung desLebens. Der Hunger treibt sie zu den Menschen, und weil es viele von ihnen gibtund viele von ihnen vor unseren Augen sterben, erscheinen sie wertlos. Überflussmacht überflüssig, sagt eine Logik. Die Kohlmeisen aber leben, dieser Logiknicht einmal zum Trotz.

GünterHack, Natur der Kohlmeisen

 

Auch so einTrugschluss der deutschen Zeitungsmacher, immer alles bebildern zu müssen, indem schöngerechneten Glauben, die Zeitung für die Nichtzielgruppe derNichtzeitungsleser dadurch wieder attraktiv und funky zu machen. Als ob geradeheute ein genereller Mangel an Bildern auszumachen wäre, dabei sind es doch dieguten, langen Texte, die fehlen.

StephanHerczeg, Journal (XX)


MERKUR Jahrgang 68, Heft 786, Heft 11, November 2014
94 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Friedrich Wilhelm Graf, Martin Sabrow, Ingo Meyer, Patrick Eiden-Offe, Kai Althoetmar, Hanna Engelmeier, Matthias N. Lorenz, Ulrich Gutmair, Günter Hack, Stephan Herczeg, Ekkehard Knörer,







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