MERKUR

Heft 11 / November 2010

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David Klett

Die Entdeckung der Kindheit . Erinnerung an Philippe Ariès' wegweisendes Buch

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Zitate:

Während der Kanon der deformierenden Kräfte im Mittelalter halbwegs übersichtlich gewesen war, drohte nun schädlicher Einfluss von allen Seiten. Der Haushalt und seine Umgebung mussten laufend auf Einflüsse hin abgesucht werden, die den Heranwachsenden schwächen konnten. Das Gesinde geriet ins Visier, wurde vorsorglich umquartiert und mit Klingelzügen gerufen (und erhielt damit die Chance zu eigener Intimität). Mit inquisitorischem Eifer wird die Masturbation zu unterbinden versucht, damit das Kind sich nicht heimlich selbst schwächt. Es war die Aufmerksamkeit einer Figur gefordert, die der mittelalterliche Familienhaushalt so nicht kannte und die der nun in Büros, Fabriken und Behörden arbeitende Mann jeden Morgen in dem sich mehr und mehr mit Mobiliar, Bildern und Erinnerungsstücken anfüllenden Haus zurückließ: die sorgende Mutter und Hausfrau. Sie war eine neue, auf das Kind konzentrierte Kapazität − vor deren "Affenliebe" allerdings schon bald wieder gewarnt werden musste. Unter diesen nervösen Konditionen schloss sich, vorerst nur im Bürgertum, eine Gruppe weiter ein und den Rest der Welt aus: die Familie. Bei Ariès heißt es: "Die Familie beginnt also, sich um das Kind herum zu organisieren, ihm so viel Bedeutung beizumessen, dass es aus seiner einstigen Anonymität heraustritt." Und nicht nur die Familie entdeckt ihre Sensibilität für das Kind (und damit für sich selbst), auch Recht, Politik, Medizin, Wirtschaft, Kunst schenken ihm erst jetzt die Aufmerksamkeit, die ihm bis dahin höchstens Religion und Erziehung hatten zuteil werden lassen. Die These von einer "Entdeckung der Kindheit" gewinnt ihre Plausibilität erst in Bezug auf gesellschaftliche Konditionen, die diese Entdeckung möglich machen. Nachweise, wie sie die Kritik Ariès typischerweise entgegenhält, lassen sich erst im Zusammenhang mit diesen Konditionen bewerten, und mir scheint, sie führen nicht sehr weit. L ´enfant et la vie familiale sous l´Ancien Régime ist immer noch ein wegweisendes Buch, nicht nur mit Blick auf die Geschichte eines Forschungsgegenstands, sondern mit Blick auf diesen Gegenstand selbst.

MERKUR Jahrgang 64, Heft 738, Heft 11, November 2010
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Rainer Hank, Bernhard Schlink, Heinz Theisen, Paul Kennedy, Thomas Krüger, Jürgen Kaube, Otfried Höffe, Michael Rutschky, Christian Schröder, Wolfgang Marx, David Klett, Sabine Beppler-Spahl, Jens Soentgen,

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