MERKUR

Heft 11 / November 2010

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Aus dem Novemberheft 2010, Nr. 738 Der Kekstest geht so: Einmal reicht man den Testpersonen einen Teller mit zehn Keksen, von dem sie einen probieren sollen. Ein andermal sind nur zwei Kekse auf dem Teller. Deutlich attraktiver fanden die Probanden die Kekse, wenn es weniger von ihnen gab. Besonders aufschlussreich war eine kleine Variation der Versuchsanordnung. Da wurde zunächst ein Teller mit zehn Keksen gereicht, der noch vor der Geschmacksprobe durch einen mit zwei Keksen ersetzt wurde. Sagte man den Versuchspersonen beispielsweise, dass sich der Versuchsleiter geirrt habe und für das Experiment nur zwei Kekse vorgesehen seien, änderte das relativ wenig. Nahm man den Probanden hingegen von den zehn Keksen acht weg mit dem Hinweis, man brauche diese für die anderen Experimente, wurden sie in den Augen der Versuchspersonen schlagartig viel wertvoller. Das kann man als die Urszene einer Theorie der Knappheit bezeichnen. Unsere Wertschätzung für die Dinge des Lebens steigt allein durch eine Verringerung des Angebots. Knappheit und Begehren gehen eine enge Verknüpfung ein: je knapper, umso begehrenswerter. Es ist, als ob wir immer genau das als wertvoll empfinden, was knapp ist. Was da ist, wie der Sand am Meer, wird von uns wenig beachtet. Doch wenn es wenig davon gibt, steigert das unsere Wertschätzung. Knappheit bezieht sich auf alle möglichen Dinge, die rar im Angebot sind: "die soziale Wahrnehmung von Beschränkungen", wie der Soziologie Niklas Luhmann in Die Wirtschaft der Gesellschaft sagt. Doch sollen diese "Dinge" längst nicht auf die klassischen Güter und Dienstleistungen des Wirtschaftslebens begrenzt bleiben: Knapp sind nicht nur die Güter und Ressourcen dieser Welt, sondern einfach alles, was Menschen begehren: Ämter und Berufe, Prämien, echte Freundschaften: Knappheit ist eine Conditio humana. Sie bringt zwar schon im Begriff das Bedauern darüber zum Ausdruck, dass wir unsere unendlichen Wünsche und Bedürfnisse nicht realisieren können und nicht alles haben können, was wir wollen. Doch hüten wir uns davor, den Zwang der Knappheit nur negativ zu interpretieren: Knappheit ist eine gute Sache, lautet meine These. Denn diese Grundbedingtheit unserer Existenz ist ein Mangel, der mit Gewinn an Lebensqualität und Freiheit verbunden ist. Rainer Hank, Warnung vor dem Schlaraffenland Die Eurozone hat jene Verschuldungsgemeinschaft hervorgebracht, die ihre Kritiker vorausgesagt haben. Die Integrationsillusion einer Zusammengehörigkeit von Aufwertungs- und Abwertungsländern zehrte von der Hoffnung, dass der Euro über einen stärkeren Wettbewerb auch einen Modernisierungsschub in den schwächeren Ländern auslösen werde. Stattdessen haben die niedrigen Zinsen in der Eurozone die Schwachwährungsländer zur lockeren Kreditaufnahme verführt. Sowohl Private als auch Regierungen haben sich stark verschuldet, was sich in steigenden Leistungsbilanz- und Haushaltsdefiziten niederschlägt. Ein gemeinsamer Zins für ein heterogenes Wirtschafts- und Währungsgebiet erweist sich als neuerlicher Irrglaube an eine erzwingbare Gleichheit, der auf Dauer nicht zur Angleichung nach oben, sondern nach unten führt. Der Fall Griechenland offenbart zwei grundlegende Schwächen der Europäischen Union: Sie grenzt nicht hinreichend ab, und sie sanktioniert kein Fehlverhalten. Jede nichtsanktionierte Regelverletzung wirkt als Belohnung. Die straffreie Verletzung des Stabilitätspaktes durch Deutschland und Frankreich war für die griechische Regierung eine Ermunterung, in ihrem Treiben fortzufahren. Die Griechen, die seit 1981 mit EWG- und EU-Mitteln gepäppelt werden, haben kaum ein vorgegebenes Kriterium erfüllt und mit falschen Statistiken den fahrlässigen und naiven Übereifer der Eurokraten vorgeführt. Der Freundschaft zwischen den Europäern ist dies nicht förderlich, denn zu Recht sind die deutschen Steuerzahler darüber empört, die Verschwendung anderer mitfinanzieren zumüssen, und umgekehrt können die auch anderen südeuropäischen Ländern aufgezwungenen Sparmaßnahmen dort antieuropäische Affekte nähren. Die erzwungene Integration des Unterschiedlichen hat dazu geführt, dass sich die sechzehn Länder der Eurozone ineinander verstrickt und damit ihre Stabilität und Handlungsfähigkeit gefährdet haben. Wenn das schwächste Glied in der Kette die gesamte Kette wertlos zu machen droht, handelt es sich um den klassischen Überdehnungsfall, der immer wieder, in jeweils anderer Gestalt, eine der wesentlichen Ursachen für den Niedergang großer Mächte und Vereinigungen gewesen ist. Heinz Theisen, Überdehnungsschmerzen Ob ihnen das nun passt oder nicht, die amerikanischen Politiker, Experten, Strategen und hochrangigen Offiziere können der Appeasementfrage nicht ausweichen. Zweifellos ist uns Englands Dilemma in den dreißiger Jahren immer noch viel zu nahe. Da ist und war die globale Hegemonialmacht mit Verpflichtungen überall auf der Welt, aber auch mit dringenden finanziellen und sozialen Forderungen im eigenen Lande, mit Streitkräften, die durch ständige Kämpfe erschöpft sind, mit einem Aufgebot sich neu entwickelnder Arten von Feind, und zugleich auch konfrontiert mit vertraut erscheinenden und expandierenden neueren Nationen, die über zahlreiche technisch immer höherentwickelte Waffen verfügen. Was ist da zu tun: Appeasement oder nicht? Appeasement hier, aber nicht dort? Erklären, dass einige Teile der Welt nicht länger von vitalem Interesse sind? Und allerdings wird der Moment kommen, zu entscheiden, wann man standhalten und kämpfen muss, wann man erklären muss "Bis hierher und nicht weiter!" und dass man nicht zurückweichen wird. Wie das England im September 1939 tat. Aber die englischen und Commonwealth-Bürger kämpften damals wohl eben deshalb so tapfer und standhaft, weil sie wussten, dass ihre jeweiligen Regierungen so oft versucht hatten, den Frieden zu erhalten, ein weiteres ungeheures Gemetzel zu vermeiden und faire Kompromisse anzubieten. Der deutsche Angriff auf Polen bedeutete das Ende von Appeasement. Und das zu Recht. Jetzt wurde Ernst gemacht. Wie auch immer die amerikanische Republik sich mit ihren vielen Vorteilen und auch gravierenden Mängeln in den kommenden Jahrzehnten entwickeln wird, sie wird sich wahrscheinlich diesem zentralen Problem der Anpassung an die Weltordnung des 21. Jahrhunderts stellen müssen, wo sie eine weniger wichtige Rolle spielen wird als im Jahrhundert davor. Und während die Amtsinhaber im Weißen Haus und im Kongress sich mit dem Problem herumschlagen, die globale Rolle ihres Landes zu ändern, werden sie zweifellos mit diesem hässlichen politischen Begriff konfrontiert werden: "Appeasement". Paul Kennedy, Wann ist Appeasement nicht verwerflich? Sonett für Schafe Herr, die Trauer ist sehr groß; nun drängt die Antwort auf die Frage nach der Fahrt von Margot Käßmann. Herr, das war schon hart. Was hast du ihr denn da nur eingeschenkt? Man fand die Frau doch sonst so klug gelenkt und dich, korrekt nach Lebenspartner-Art, meist neben ihr. Wer nahm dir diesen Part auf Käßmanns Fahrt? Wer hat dich abgehängt, in dieser Nacht? Nun steht sie neben sich. Wir Trauernden, die wir im Leben nicht mit Trunkenheit gerechnet hätten, falten die Hände, bitten, da sie wieder strickt an dir: O hilf und walte, führ die heißen Nadeln ihr, und zieh dir ihren Handschuh an, zum Halten. Thomas Krüger, Sechs Sonette Nach einer wenig rezipierten These Kants führt die Moral unumgänglich zur Religion. Obwohl zumindest die zeitgenössische Rechtsmoral mit ihrem Gedanken der Menschenwürde und der Menschenrechte stark Kantisch geprägt ist, obwohl John Rawls´ Gerechtigkeitstheorie auch in der anglophonen Welt den Utilitarismus zurückgedrängt und Kantischen Gedanken zum Durchbruch verholfen hat, obwohl schließlich die Wende der Frankfurter Schule zur Ethik den überragenden Einfluss Kants nicht leugnet, ist der zeitgenössischen Debatte die genannte Kant-These so fremd, dass sie sie nicht einmal einer Zurückweisung für wert hält. Denn in der für die Debatte dominanten Kulturgemeinschaft, dem Westen, herrscht so gut wie unangefochten ein säkulares Denken vor. Dem tritt ein Sozialphilosoph und politischer Theoretiker entgegen, der sich in seiner Heimat Kanada auch politisch engagiert hat: Charles Taylor. Angefangen mit einer Kritik am Behaviorismus über eine große Hegel-Studie, ein Buch über die Entstehung der neuzeitlichen Identität und durch Beiträge zum Multikulturalismus ist Taylor bald weltberühmt geworden. In seinem neuen Werk, nach Umfang, geistesgeschichtlichem Horizont und gedanklicher Tiefe ein wahres Opus magnum, setzt er ein Leitmotiv seines Denkens, Erkundungen zur Identitätskrise der Moderne, unter der Frage fort: Wie kann ein intelligenter Mensch heute noch religiös sein und an Gott glauben? Die Antwort, eine Verbindung von Philosophie mit Geistes- und Mentalitätsgeschichte, erfolgt nicht direkt. Der Autor will vielmehr die Geschichte dessen erzählen, was man die "Säkularisierung" des neuzeitlichen Abendlandes zu nennen pflegt. Otfried Höffe, Philosophiekolumne Unweigerlich stößt auf den Namen, wer sich mit Chardin, unterdessen einer der beliebtesten Maler der Kunstgeschichte, beschäftigt − das Kind, das mit seinem Kreisel spielt, der junge Zeichner, der seinen Kreidestift spitzt, der Seifenblasenbläser, sie sind nicht einfach Sujets, sie sind ein Konzept, das im Chardin-Katalog (2000) der Kunsthalle Düsseldorf folgendermaßen gefasst ist: "Die auf der Leinwand dargestellten Figuren sollten so in ihr Tun versunken wirken, dass die Präsenz des Betrachters völlig verschwand." Diesen Gedanken entwickelte Michael Fried 1980 mit großer Gelehrsamkeit − Diderot ist mit seinen Schriften über die Malerei und über das Theater der Kronzeuge −, vor allem aber mit außerordentlicher Kraft der Bildbetrachtung und -beschreibung in seinen Studien über Absorption and Theatricality, die der Kunstgeschichte bis ins 20. Jahrhundert hinein eine erkennbare Richtung vorzugeben suchen. Eine Richtung, an der Frieds jüngstes Buch festhält: Indem es diese Konzeption auf die Fotografie projiziert, auf die "Tableaux", die Jeff Wall und Andreas Gursky und Candida Höfer und Thomas Demand für die Galerie- und Museumswand produzieren, womit sie die Fotografie aus dem Buch herausholen, das der einsame Betrachter für sich anschaut. Ein Fotograf aus dieser Corona, die beweisen soll, "why photography matters as art as never before", gestand mir sein tiefes Unbehagen über die Beweisführung, in der er als Zeuge fungiert. Der Kunstkritiker Jed Perl, dem wir New Art City (2005), ein genussreich erzähltes Buch, wie New York in den Fünfzigern zur Welthauptstadt der Kunst aufstieg, verdanken, widmete Frieds Fotobuch in The New Republic (21.Oktober 2009) den genussreichen Verriss The Restless Medium: Seine Gedanken seien schematisch und obsessiv und deshalb ungeeignet, das quecksilbrige Medium der Fotografie zu fassen − was, wie man gerechterweise sagen muss, auch nicht Frieds Absicht war; er konzentrierte sich − ja, obsessiv − auf zeitgenössische Fotografie, die als Kunst in Erscheinung tritt. Michael Rutschky, Selbstvergessenheit, Theatralik Es sind erstaunliche Affären, von denen Kemp, einer der bedeutendsten deutschen Kunsthistoriker, erzählt. Deutschland war für Engländer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in vielerlei Hinsicht ein Sehnsuchtsland, so wie Italien für Deutsche im 19. Jahrhundert ein Sehnsuchtsland gewesen war. Dass englische Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle gerne nach Deutschland kamen, hatte handfeste Gründe. Die Lebenshaltungskosten dort waren niedrig, es gab ein liberaleres Scheidungsrecht, und die Heilbäder besaßen Weltrang. Deutschland versprach Freiheit, vor allem in Fragen der Moral. Die literarischen Junggenies Isherwood, Spender und Auden waren schwul. In Berlin mussten sie sich weniger verstecken als in London. Kemp spricht von einem "coming out", das zunächst nach einem "coming in" verlangt habe, und folgt seinen Protagonisten in den "marvelous freedom" der Schwulenbars um die Schöneberger Motzstraße, die Cosy Corner oder Adonis-Klause hießen. Isherwood hat sich später einen "sexual colonialism" attestiert: "Er konnte sich sexuell nicht entspannen mit einem Angehörigen seiner eigenen Klasse oder Nation. Er brauchte einen Fremden aus der Arbeiterklasse." W. H. Auden war als Erster in Berlin angekommen, Isherwood blieb am längsten, bis 1933, und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Privatlehrer. "Herr Issyvoo", so nannte ihn Fräulein Schröder, die Wirtin seiner Pension in der Nollendorfstraße, in deren verwohnten Zimmern eine bunt zusammengewürfelte Mischung seltsamer Menschen untergekommen war. Dieses Personal und die Ausflüge des Ich-Erzählers in das mondäne, bereits dem Untergang geweihte Nachtleben der Reichshauptstadt kennen Leser und Kinogänger aus Isherwoods Romanen The Last of Mr. Norris (1935) und Goodbye to Berlin (1939) und aus deren Hollywoodverfilmung Cabaret. Christian Schröder, Seltsame Reisende Es gehört zu den alten und festgefügten Ansichten über die Sprache, dass sie ihre Entstehung den Notwendigkeiten der Kommunikation verdanke und dass die Verfügung über das Wort eines der wesentlichen Merkmale sei, die den Menschen vom Tier unterscheiden. Nach allem, was wir inzwischen wissen, spricht manches gegen die Richtigkeit beider Ansichten. Nun ist freilich auch die Gegenthese nicht gerade neu, die besagt, dass Begriffe primär der kognitiven Bewältigung der Welt dienen, also als ein Inventar des produktiven Denkens entstanden sind und erst sekundär eine Mitteilungsfunktion bekommen haben. Diese Idee lässt sich schon bei Aristoteles finden, und auch Herder hat sie in seiner Preisschrift über den Ursprung der Sprache vertreten. Auf den ersten Blick scheint die eine Sichtweise so gut wie die andere und die Kontroverse so fruchtlos wie die um den Primat von Henne oder Ei. Erst eine phylogenetische Betrachtung kann aus dem Dilemma hinausführen. Tatsächlich können auch Tiere schon Begriffe bilden, was im Folgenden noch belegt werden soll. Das führt jedoch keineswegs dazu, dass sie mit Hilfe von Begriffen miteinander zu kommunizieren beginnen. Was wiederum dafür spricht, dass die Ausbildung eines solchen kognitiven Potentials auf die Optimierung der Weltwahrnehmung hinausläuft. Dass mit Hilfe dieses Potentials auch ein Kommunikationssystem aufgebaut werden kann, ist ein erst auf der Ebene des Menschen realisierter Zusatznutzen. Wolfgang Marx, Wörter für Dinge, die es nicht gibt Während der Kanon der deformierenden Kräfte im Mittelalter halbwegs übersichtlich gewesen war, drohte nun schädlicher Einfluss von allen Seiten. Der Haushalt und seine Umgebung mussten laufend auf Einflüsse hin abgesucht werden, die den Heranwachsenden schwächen konnten. Das Gesinde geriet ins Visier, wurde vorsorglich umquartiert und mit Klingelzügen gerufen (und erhielt damit die Chance zu eigener Intimität). Mit inquisitorischem Eifer wird die Masturbation zu unterbinden versucht, damit das Kind sich nicht heimlich selbst schwächt. Es war die Aufmerksamkeit einer Figur gefordert, die der mittelalterliche Familienhaushalt so nicht kannte und die der nun in Büros, Fabriken und Behörden arbeitende Mann jeden Morgen in dem sich mehr und mehr mit Mobiliar, Bildern und Erinnerungsstücken anfüllenden Haus zurückließ: die sorgende Mutter und Hausfrau. Sie war eine neue, auf das Kind konzentrierte Kapazität − vor deren "Affenliebe" allerdings schon bald wieder gewarnt werden musste. Unter diesen nervösen Konditionen schloss sich, vorerst nur im Bürgertum, eine Gruppe weiter ein und den Rest der Welt aus: die Familie. Bei Ariès heißt es: "Die Familie beginnt also, sich um das Kind herum zu organisieren, ihm so viel Bedeutung beizumessen, dass es aus seiner einstigen Anonymität heraustritt." Und nicht nur die Familie entdeckt ihre Sensibilität für das Kind (und damit für sich selbst), auch Recht, Politik, Medizin, Wirtschaft, Kunst schenken ihm erst jetzt die Aufmerksamkeit, die ihm bis dahin höchstens Religion und Erziehung hatten zuteil werden lassen. Die These von einer "Entdeckung der Kindheit" gewinnt ihre Plausibilität erst in Bezug auf gesellschaftliche Konditionen, die diese Entdeckung möglich machen. Nachweise, wie sie die Kritik Ariès typischerweise entgegenhält, lassen sich erst im Zusammenhang mit diesen Konditionen bewerten, und mir scheint, sie führen nicht sehr weit. L ´enfant et la vie familiale sous l´Ancien Régime ist immer noch ein wegweisendes Buch, nicht nur mit Blick auf die Geschichte eines Forschungsgegenstands, sondern mit Blick auf diesen Gegenstand selbst. David Klett, Die Entdeckung der Kindheit Der Volksentscheid über die sechsjährige Grundschule hat nicht nur im Norden für viel Wind gesorgt. Die Hamburger Bürgerschaft ist mit ihrem Versuch gescheitert, eine Schulreform an der Öffentlichkeit vorbei durch das Parlament zu schleusen. Dabei hat sich gezeigt, welche Distanz zwischen dem Wahlvolk und seinen in der Frage der Primarschule geeinten Volksvertretern bestand. Besonders deutlich wurden die Spannungen, als der christdemokratische Bürgermeister Ole von Beust den Vertretern der Initiative "Wir wollen lernen!" Ausländerfeindlichkeit vorwarf. In einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung bekundete er Überraschung darüber, dass manche so unverhohlen sagen: "Wir wollen nicht, dass unsere Kinder länger als notwendig mit Kindern mit Migrationshintergrund zur Schule gehen." Der Konflikt um die Äußerungen von Beusts lässt sich nur vor dem Hintergrund der nunmehr seit vielen Jahren geführten Diskussion über die schlechten schulischen Leistungen der sogenannten Migrantenkinder verstehen. Es ist zwar nicht wahr, dass Kinder, die sich an unseren Schulen schwertun, alle einen Migrationshintergrund haben. Andersherum ist aber die Zahl dieser Schüler bei der Gruppe der Schulversager leicht ermittelbar: Neuntklässler ohne Migrationshintergrund, so erfahren wir, erreichten bei der Pisa- Lesekompetenz im deutschen Schnitt 513 Punkte − Jugendliche mit polnischen Wurzeln und aus der ehemaligen Sowjetunion erreichen 470 beziehungsweise 466 Punkte, türkische aber nur 417 Punkte. Was die Pisa-Statistiken in nackten Zahlen ausdrücken, bestätigt sich nicht selten im schulischen Alltag. In der zweiten Klasse meiner achtjährigen Tochter in Berlin-Tempelhof sind zweiundzwanzig Kinder. Fünf davon wurden zum Ende des Schuljahres nicht versetzt. Ihrer Nationalität entsprechend könnten sie Kevin, Fatima, Burak, Mirza und Jiad heißen. Nicht erst die Debatte in Hamburg hat die Frage, wie unsere Schulen und unsere Bildung gestaltet werden sollen, mit der Einwanderung in Verbindung gebracht. Was in den Köpfen vieler Eltern präsent ist, hat eine reale Grundlage und begleitet die deutsche Schuldebatte seit vielen Jahren. In einem Aufsatz aus dem Jahr 1981 heißt es beispielsweise: "Der Ausländeranteil an der Schülergesamtzahl ... betrug im Schuljahr 1979/80 9,6 Prozent an Grundschulen, 8,1 Prozent an Hauptschulen, 6,4 Prozent an Sonderschulen, 1,7 Prozent an Gymnasien und 1,7 Prozent an Realschulen ... Deutlich wird durch diese Zahlen besonders die Unterrepräsentation der Ausländerkinder gegenüber den deutschen Schülern auf Realschule und Gymnasium ... bzw. ihre Überrepräsentation auf der Hauptschule. Subtrahiert man die Anteile von Ausländerkindern, die nicht aus Anwerbeländern stammen − dies sind vor allem Japaner, Franzosen und US-Amerikaner, die vielerorts eigene Schulen haben und unter günstigeren Verhältnissen leben −, verringert sich der Anteil der ´Gastarbeiterkinder´ auf Realschule und Gymnasium weiter". Sabine Beppler-Spahl, Politisierte Bildung Ein Sprudeltrinker sitzt an einem Tisch, vor ihm eine 0,5-Liter-Flasche Sprudel (Classic) und ein Glas sowie ein Telefon und eine Topfpflanze. SPRUDELTRINKER (nachdenklich): Wir leben in schwierigen Zeiten. Schon das Trinken von einem Glas Sprudel kann einen vor ethische Probleme stellen ... Früher war das Trinken von Sprudel ein ethisch positiver Akt, geradezu ein Verdienst. Ich trinke Sprudel − du säufst Bier und fährst dann mit deinem Auto gegen den Poller ... Aber sehen Sie sich jetzt das hier an: eine Flasche Sprudel, gekauft in der Deutschen Bahn. (Liest Etikett.) Tiefes Alpenquellwasser, hier ist extra eingezeichnet, wo es herkommt, wirklich aus tiefster Tiefe. "Rein seit der Eiszeit". Etwas Gesünderes kann man sich gar nicht vorstellen; würden wir eine Standleitung vom Paradiesfluss zu uns leiten, so könnte unser Wasser nicht klarer sein. Und dann auch noch eine Pfandflasche, wir können sie zurückbringen, sie wird wiederverwendet. Wo ist das Problem? (Schraubt Flasche auf.) Haben Sie´s gehört? Dieses Zischen − was war das? Kohlensäure. Steht auch drauf: Kohlensäure. Also CO2. Jetzt ist es raus: Indem ich die Sprudelflasche öffne, setze ich CO2 frei. Direkt in die Atmosphäre. Das kommt nie wieder zurück! Was tun? Müssten wir nicht alle Sprudelflaschen geschlossen halten, um das darin quasi sequestrierte CO2 drinzuhalten? Oder CO2-Zertifikate anschaffen? Aber vielleicht haben das die Hersteller ja schon gemacht? Also, rufen wir an. (Greift zum Telefon.) Jens Soentgen, Auf ein Glas Sprudel

MERKUR Jahrgang 64, Heft 738, Heft 11, November 2010
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Rainer Hank, Bernhard Schlink, Heinz Theisen, Paul Kennedy, Thomas Krüger, Jürgen Kaube, Otfried Höffe, Michael Rutschky, Christian Schröder, Wolfgang Marx, David Klett, Sabine Beppler-Spahl, Jens Soentgen,

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