MERKUR

Heft 10 / Oktober 2015

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Rubikon

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Zitate aus dem Oktoberheft, Nr. 797

Die Reliquisten haben noch einen weiteren Trumpf im Ärmel, einen desperaten Trumpf: Wenn das Bild des Grabtuchs durch ein der Fotografie analoges Verfahren zustande gekommen ist und wenn es schwer fällt, die für eine Belichtung erforderliche Energiequelle aufzufinden – wie wäre es, wenn wir diese im Licht der Auferstehung selbst suchten? Denn die Auferstehung kann, trotz fehlender Augenzeugen, kein unscheinbarer Vorgang gewesen sein, nicht etwa wie wenn jemand sich aus dem Koma berappelt. Ein heller Jubel muss es gewesen sein, das Äquivalent eines Raketenstarts, und als solches viel Energie verströmt haben.

Burkhard Müller, Dein gemartertes Antlitz

 

Die Literaturwissenschaft ist in dieser Sache Partei. Auch deshalb ist die Geschichte der Schreib- und Lesefähigkeit unter den verschiedensten Gesichtspunkten eingehend und umfassend untersucht worden. Während wir über literacy also gut informiert sind, ist über die Geschichte der numeracy, der Fertigkeit im Umgang mit Zahlen, sehr viel weniger bekannt. Ein Desiderat besteht darin freilich nur aus Sicht von Buchstabenmännern und -frauen, die anderen werden es nicht erbringen – warum sollte sich ein numbers guy für diese Geschichte auch interessieren?

Marcus Twellmann, »Gedankenstatistik«

 

[Wissenschaftliche] Akteure werden in Bezug auf ihr intellektuelles Handwerk beobachtet, nicht auf ihre persönlichen Beziehungen untereinander, die Konflikte, Machtverhältnisse und Hierarchien, die faulen Kompromisse und Intrigen, psychotischen Verhaltensweisen oder Diskriminierungen; die produktiven Gespräche in den Kaffeeküchen, die denkstilbildenden Kolloquien, die gemeinsamen Kneipenbesuche, privaten Aktivitäten, Seminarfeiern, Dienstausflüge, die zusammenschweißen oder haarfein ausgrenzen. Das zu beschreiben hieße, den Spiegel nicht allein den anderen vorzuhalten, sondern sich selbst einzugestehen, dass die Produktion von Wissen keine rein intellektuelle Sache, das Soziale nur »Beiwerk« ist, sondern dass es immer auch die eigene Identität berührt – oder gar erst konstituiert.

Thomas Etzemüller, Ins »Wahre« rücken

 

Zurück zum »brand asset« Tom Cruise, der bei Fallon an diesem Fernsehabend im Juli 2015 pflichtbewusst sein berühmtes Trademark-Grinsen grinst. Wirklich enorm breit, zwei Reihen wohlsortierter Starzähne, auch die mitfreigelegten vordersten Backenzähne machen auf den ersten Blick einen einwandfreien Eindruck. Nur Julia Roberts gewährt dentalmedizinisch gesehen noch freizügigere Einblicke. (Die so selbstbewusst wie infinit reproduzierte Maskerade von Profis? Zweite Natur, die zur ersten geworden ist? Man weiß es nicht, hat aber so seine Befürchtungen.)

Simon Rothöhler, Filmkolumne. Tom Terrific

 

Das Bauhaus hat es ebenso wenig je gegeben wie die Moderne. Es gab mehrere Bauhäuser, und diese waren immer Teil der Geschichte ihres Ortes, ihrer Protagonisten, ihrer Zeit, Teil auch der Geschichte Deutschlands. Es ging nicht nur um Kunst und Architektur, sondern immer auch um Städtebau. Ohne Blick auf solch übergreifende Kontexte, der zwangsläufig auch Brüche und Widersprüche sichtbar werden lässt, bleibt das Bauhaus ein isoliertes, künstliches Konstrukt, eine Wiedergeburt des »Bauhaus-Bildes der Nachkriegszeit«, eines »in jeder Beziehung historisch falschen Konstrukts«. Das gilt vor allem für die beiden eigentlichen Bauhaus-Stätten Weimar und Dessau.

Harald Bodenschatz, Urbanismuskolumne. Bauhaus, Bauhaus

 

Als Scholem und Adorno einander in New York begegneten, stellten sie fest, dass ihre Kritik an Benjamin, von extrem verschiedenen Punkten aus, im Wesentlichen konvergierte; dass der Betroffene das ahnte, zeigen mehrere Briefe. Scholem beharrte, Benjamins marxistischer »Selbstbetrug« sei ein »Verrat« an seinen eigensten metaphysischen Intentionen, die unter der politischen Verkleidung zwar immer noch durchschienen, am Ende aber zerstört würden. Adorno, ein viel intimerer Marx-Kenner als seine beiden Korrespondenten zusammen, hielt Benjamin seinen rabulistischen Umgang mit materialistischen Kategorien vor, nämlich den unmittelbaren Kurzschluss von gesellschaftlichen, politischen Bedingungen und intellektuellen, künstlerischen Phänomenen.

Wolfgang Matz, Mystik und Geschichte

 

Einerseits bleibt Deutschland »strategisch saturiert«. Es hat kein Interesse an territorialer Expansion und fühlt sich auch nicht mehr militärisch bedroht wie vor 1945: Geopolitisch ist das Land kein Problem mehr. Andererseits hat die Entwicklung der deutschen Wirtschaft seit Mitte der Nullerjahre den Druck auf die europäischen Handelspartner enorm verstärkt. Unter anderem durch die Auslagerung von industriellen Produktionskapazitäten nach Zentral- und Osteuropa eroberte sich Deutschland einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Volkswirtschaften in der Euro-Zone, der zu einem großen, dauerhaften Leistungsbilanzüberschuss geführt hat. Die deutsche Frage ist entsprechend nicht mehr eine geopolitische, sondern eine geoökonomische.

Hans Kundnani, 1990 im Schatten von 2015

 

Auch wenn die Mehrheit der Ökonomen dazu neigt, Deflation grundsätzlich als schädlich für die Wirtschaft zu betrachten, folgt daraus nicht zwingend, dass Deflation nicht auch gute Seiten haben könnte. Als möglicherweise positiv könnte man beispielsweise bewerten, dass eine über die Angebotsseite der Realwirtschaft erzeugte Deflation die Früchte höherer Produktivität (oder einer Ausweitung des Angebots an Produktionsfaktoren oder Rohstoff en) an die Verbraucher weitergibt. Positiv kann auch sein, dass Deflation den Strukturwandel befördert, indem weniger produktive Unternehmen mit hohen Kosten aus dem Markt gedrängt werden.

Thomas Mayer, Der diskrete Charme der Deflation

 

Man könnte aus den Weimarer Dokumenten beliebig viele Beispiele bringen: Es geht um die Inszenierung eines (vermeintlich) authentischen Orts, der wiederum der affirmativen Inszenierung einer Person gewidmet ist. Es geht um Personenkult, einen modernen, säkularen Kult der Persönlichkeit des »Klassikers« – hinter dem sein Werk, sein Thema zurücktritt. Das 19. Jahrhundert prägt damit einen Typus: den des bildungsbürgerlichen Wohnungsmuseums, des Dichterhauses, Künstlerhauses, Komponistenhauses.

Paul Kahl, Der Geschichtsort Schillerhaus in Weimar

 

Starke Indizien weisen zudem darauf hin, dass die Vorstellung, nur die heutige Menschheit zerstöre durch Verkehr, industrielle Landwirtschaft und rücksichtslosen Verbrauch die Habitate bedrohter Tiere, den Gegebenheiten nicht entspricht. Schon wenige Jahrhunderte nach der Ankunft der ersten Menschen in Australien und Amerika waren dort die großen Säugetiere verschwunden, und die Forscher sind sich über die ursächliche Beziehung zwischen beiden Fakten weitgehend einig. Paläo-Indianer wie Ur-Aborigines rotteten durch ihr Jagdverhalten die heimische Megafauna aus. Der Glaube an ein Goldenes Zeitalter, in dem der Mensch »im Einklang mit der Natur« lebte, erweist sich als sentimentale Flause.

Susanne Röckel, Der Blick des Gibbons

 

... gezwungen, eine Call-In-Sendung des lokalen Rundfunksenders zu hören, in der Zuhörer meinen, sich telefonisch zu tagesaktuellen Themen äußern zu müssen. Griechenland, FIFA, Kita-Streik, Syrien, Klimawandel, Betreuungsgeld, Kirchenaustritte undsoweiter. Alle Pro-und-Kontra-Gemeinplätze, die man am Vortag und Vorvortag und vor fünf Jahren bereits auf den großen News-Sites, auf Twitter, Facebook, in den Tagesthemen und in der U-Bahn unüberrascht zur Kenntnis genommen hat, werden nun ein weiteres Mal, nur noch schlechter formuliert, von besorgten Mitmenschen vorgetragen, die der festen Meinung sind, eine einzigartige, nie gehörte Meinung zu vertreten.

Stephan Herczeg, Journal (XXXI)

MERKUR Jahrgang 69, Heft 797, Heft 10, Oktober 2015
104 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Burkhard Müller, Marcus Twellmann, Thomas Etzemüller, Simon Rothöhler, Harald Bodenschatz, Wolfgang Matz, Hans Kundnani, Thomas Mayer, Paul Kahl, Susanne Röckel, Stephan Herczeg,







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