MERKUR

Heft 10/11 / Oktober 2013

Wir? Formen der Gemeinschaft in der liberalen Gesellschaft

Das könnte Sie interessieren

Unternehmen Babylon

Wie die Globalisierung die Seele gefährdet

Das europäische Geschichtsbuch

Von den Anfängen bis ins 21. Jahrhundert

5 Sterne

Über Demokratie, Italien und die Zukunft Europas

Die Deutsche

Angela Merkel und wir

Der Große Krieg

Der Untergang des Alten Europa im Ersten Weltkrieg
Diese Ausgabe erwerben
Printausgabe vergriffen, Artikel als PDF erhältlich, siehe unten

Wieviel Wir brauchen Wir?

Fehlt es in der liberal-kapitalistischen Gesellschaft an gemeinsamen Werten oder überhaupt an Gemeinschaft? Das hört man von rechts wie von links. Dabei ist oder war doch jede und jeder Teil vieler Vergemeinschaftsformen: Wir kommen aus Familien, wir waren Punks (oder Waver), wir suchen uns Freunde, wir organisieren uns in sozialen Medien, wir konsumieren Dinge und Marken. Wir sind Stuttgarter oder Berliner, Deutsche und vielleicht sogar Europäer. Und Verfassungspatrioten sollten wir sowieso sein. Da stellt sich die Frage: Reicht das denn nicht?

>> Dieses Merkur-Heft digital (PDF, epub, mobi)

In seinem Sonderheft »Wir? Formen der Gemeinschaft in der liberalen Gesellschaft« fragt der Merkur nach der Möglichkeit und Notwendigkeit von Vergemeinschaftung in der Gegenwartsgesellschaft. Es ist sicher richtig, dass es heute kaum noch Wertekonsense mit Bindekraft gibt. Ebenso richtig ist es, dass der Markt, was er regeln kann, marktförmig regelt. Es bleibt dennoch oder gerade deshalb die Frage des Titels höchst virulent. Welche existierenden Gemeinschaften sind segensreich, welche nicht? In den Beiträgen geht es einerseits um Grundsatzfragen wie die nach der Struktur der Gesellschaft, nach der Bedeutung von Gemeingütern oder der Notwendigkeit öffentlich-rechtlicher Strukturen. Andererseits werden an Fallbeispielen aber auch eine ganze Reihe von begrüßenswerten wie problematischen Formen der Vergemeinschaftung unter die Lupe genommen. Dazu gehört die Sozialmedienvernetzung bei Facebook ebenso wie mafiöse Strukturen und die Ingroup von Berliner Politikern, Lobbyisten und Hauptstadtjournalisten.

Im ersten Teil werden die Fragen auf eher abstrakter Ebene untersucht. Den Auftakt macht dabei der ehemalige Bundesverfassungsrichter Dieter Grimm, der in einer von der Systemtheorie inspirierten Tour d'horizon die Möglichkeiten und Grenzen von Einheit und Integration der Gesellschaft untersucht – und zuletzt für Deutschland die bedeutende Rolle der Verfassung als gemeinsamem Bezugspunkt herausstellt. Mit viel Skepsis blickt, wie gewohnt, Rainer Hank auf europäische Einheitsbegeisterung. In seinem Aufsatz über die »verlorene Unschuld« weist er auf die heute kaum mehr präsente Geschichte einer Europarhetorik von rechts hin. Cord Riechelmann nennt in einer grundlegenden Skizze »Luft, Wasser, Wald und Bindung« als »Elemente einer Politik der Grundgüter«, die sich der durchgreifenden Ökonomisierung der Lebensgrundlagen widersetzt. Mit einer einzigen Institution befasst sich der Jurist Thomas Vesting, allerdings einem Medium, das für die Struktur der Öffentlichkeit von großer Bedeutung ist: dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der einst gegründet wurde, um für alle gesellschaftlichen Gruppierungen Repräsentationsoptionen zu bieten. Helmut König und Urs Stäheli analysieren dagegen zwei »soziale Figuren«, die für die Gesellschaft dennoch basal sind: König schreibt über »Freundschaft« als Vergemeinschaftungsform, Stäheli dagegen befasst sich mit dem »Schüchternen« als einer Figur, die in sozialen Netzwerken gerade nicht umstandslos aufgeht. Nina Verheyen hat noch einmal bei Georg Simmel nachgelesen und entdeckt, dass er Konkurrenz als Prinzip keineswegs als Hindernis, sondern geradezu als Voraussetzung für Gemeinschaftung begreift. Und Rudolf Helmstetter lässt zum Abschluss dieses ersten Teils Theoriebildung zum Thema Revue passieren – und gerät dabei auch noch in einem steckengebliebenen Fahrstuhl in eine angstvolle Zwangsgemeinschaft.

Im zweiten Teil wird es konkreter. Zum Auftakt eine Wir-Litanei, in der David Wagner existierende und denkbare »Wirs« nach Art einer Vorspannsequenz abrollen lässt. Thomas E. Schmidt verschränkt einen persönlichen Bericht über die Jahre, als er einmal Teil einer Jugendbewegung sein wollte, mit Überlegungen zum Dazugehören überhaupt. Mit Skepsis betrachtet Christian Demand aktuelle Debatten um das Kunstmuseum und die darin aufgestellte Kulturerbengemeinschaftsbehauptung. Gegen ein anderes Erbe, das des Rationalismus nämlich, wendet sich Remigius Bunia in seinem Plädoyer dafür, die Dinge und ihren Konsum in Überlegungen zur Gemeinschaftsbildung einzubeziehen. Was sie über ihre Freunde und die Freunde von Freunden lieber gar nicht wissen wollte, erfährt Kathrin Passig bei Facebook und denkt sich dazu unter dem Titel »Wir-Verwirrung« ihr Teil. Wie aus West-Perspektive die DDR bis heute dargestellt wird, legt Matthias Dell mit schönem Furor an Beispielen von Uwe Tellkamps Der Turm bis zu Florian Henckel von Donnersmarcks Das Leben der Anderen dar. Wie sehr die »Gastarbeiter« zu uns gehören – oder auch nicht –, mit dieser Frage setzt sich aus sozialwissenschaftlicher Perspektive Kristin Surak auseinander. Erhard Stölting weist darauf hin, dass nicht zuletzt das organisierte Verbrechen einen emphatischen Begriff von Gemeinschaft und ihrem Außen hat. Michael Rutschky liest und kommentiert die »Wirs«, die in drei Juniwochen durch die Zeitungen gingen. Jan Feddersen zeichnet die Geschichte des Grand Prix d'Eurovision bzw. European Song Contest und seiner eingefleischten Fan-Community nach. Aus dem inneren Kreis der Berliner Hauptstadtpolitikkorrespondenten heraus beobachtet Ralph Bollmann deren Gemeinschaft – und kritisiert die Kritiker, die es sich damit allzu einfach machen. Wolfgang Fach widmet sich dem vermeintlichen »Monster« als Protagonisten des Ego-Kapitalismus, während Stephan Herczeg in der Doppelheftfolge seines Journals in Frankreich ans Meer fährt Das letzte Wort hat Frank Kafka.

MERKUR Jahrgang 67, Heft 773/774, Heft 10/11, Oktober 2013
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Christian Demand, Dieter Grimm, Rainer Hank, Cord Riechelmann, Helmut König, Thomas Vesting, Nina Verheyen, Urs Stäheli, Rudolf Helmstetter, David Wagner, Thomas E. Schmidt, Christian Demand, Remigius Bunia, Eva Horn, Erhard Stölting, Kathrin Passig, Kristin Surak, Matthias Dell, Michael Rutschky, Jan Feddersen, Ralph Bollmann, Wolfgang Fach, Stephan Herczeg, Franz Kafka,


Unser Service für Sie

Zahlungsmethoden
PayPal (nicht Abos),
Kreditkarte,
Rechnung
weitere Infos

PayPal

Versandkostenfreie Lieferung
nach D, A, CH

in D, A, CH inkl. MwSt.
 
weitere Infos

Social Media
Besuchen Sie uns bei


www.klett-cotta.de/im-netz
Facebook Twitter YouTube
Newsletter-Abo

Klett-Cotta-Verlag

J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH
Rotebühlstrasse 77
70178 Stuttgart
info@klett-cotta.de