MERKUR

Heft 09 / September 2013

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Zitate aus dem Septemberheft, Nr. 772

Aus historischer Perspektive ist leicht zu erkennen, dass die Sehnsucht nach dem Authentischen ein zeitgebundenes Phänomen ist, das sich mit dem Geschichtsboom der letzten vierzig Jahre entwickelt hat und etwa mit der Zuerkennung von Denkmalswert für Sachzeugnisse der NS-Verbrechen, aber auch der kommunistischen Diktaturen korrespondiert. Wie historisch höchst veränderlich der Umgang mit historischen Überresten und der ihnen zugeschriebenen Aura ist, lässt sich aber ebenso auch weitab von der zeitgeschichtlichen Diktaturaufarbeitung veranschaulichen, so etwa am Beispiel des Umgangs mit den Gebeinen des 1786 verstorbenen Preußenkönigs Friedrichs II., der erst knapp zweihundert Jahre später seine vermutlich letzte Ruhe fand.

Martin Sabrow, Sehnsucht nach dem Authentischen

 

Das neue Stadtschloss wird auf einem Gelände errichtet, das erst freigeräumt werden musste. Hier stand der von der DDR als ihr Zentrum gebaute Palast der Republik – der Abriss erschien vielen ehemaligen DDR-Bürgern als ein Akt kolonialistischer Willkür des Westens. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass es während dieses Abrisses zu massenhaften Bürgerprotesten wie an der East Side Gallery gekommen wäre, dass die empörten DDR-Bürger den Körper des Palasts als unantastbar, als quasisakral verteidigt hätten. Dabei produzierte der Abriss höchst eindrucksvolle Ruinen, deren Musealisierung man gern gefordert hätte, Ruinen, die in actu von Einheimischen ebenso wie von Touristen angemessen bewundert wurden.

Michael Rutschky, Museum ist überall

 

Bemerkenswert ist auch, wie viele Textpassagen von Robinson Crusoe bereits aus »Füllstoff« bestehen. Zwischen den großen dramatischen Wendepunkten der Handlung gibt es im bürgerlichen Roman mehr und mehr Abschnitte, in denen der Hintergrund sich als Schauplatz nach vorne drängt. Die Figuren und ihre Handlungen werden von einer Masse von Dingen geradezu überschwemmt. »Füllstoff«, schreibt Moretti, »rationalisiert das Universum des Romans, der dadurch in eine Welt mit wenig Überraschungen, noch weniger Abenteuern und ohne alle Wunder verwandelt wird«. Genau diese Welt meint Karl Marx, wenn er im ersten Band von Das Kapital von einer »ungeheuren Warensammlung« spricht. Die schleichende Akkumulation von Füllstoff, bereits bei Defoe zu beobachten, erreicht ihren Höhepunkt später bei Gustave Flaubert. Es handelt sich um die große erzähltechnische Erfindung des bürgerlichen Romans.

McKenzie Wark, Im Maschinenraum der Literatur

 

» Buscagrius • Buscagrius, Profess. graec. Upsaliensis, gelehrt, zitiert in einer Disputation unrichtig einen Autor. Der Opponent leugnet, daß die Worte so standen, sondern anders. Es kam zu heftigem Wortwechsel. • Der Professor in der Hitze sagt: wenn es nicht so steht, bittet er Gott, nie mehr auf das Katheder zu kommen. • Kommt heim, sieht, er hat unrichtig zitiert, wird melancholisch, stirbt nach 2 Jahren. Kommt nie mehr auf das Katheder.«

Georg Stanitzek, Zur Philologie der Philosophie

 

Seit den siebziger Jahren tritt erneut und vermehrt »Glück« in das Vokabular der Sozialwissenschaften ein. Am Anfang steht eine sehr begrenzte ökonomische Frage. Man versucht zu bestimmen, ob das subjektiv empfundene Glück einer Person sich unmittelbar aus der Höhe und den Veränderungen des Einkommens ergibt, oder paradoxe Beziehungen gelten, die besagen, dass der anfangs beobachtbare Zusammenhang von Einkommen und Glück bei steigendem Einkommen nicht erhalten bleibt (»Easterlin Paradox«). Diese Frage ist bis heute nicht schlüssig beantwortet.

Rudolf Stichweh, Soziologiekolumne. Glück und die Qualität der Gesellschaft

 

Der amerikanische Architektur- und Designhistoriker Greg Castillo hat in einer höchst unterhaltsamen (leider aber bislang nicht ins Deutsche übersetzten) Monografie rekonstruiert, welch eminente politische Bedeutung der Produktgestaltung im propagandistischen Kalkül des beginnenden Kalten Krieges zukam. Nach der Lektüre von Cold War on the Home Front ist man nicht nur um einige herrliche Anekdoten über die Fortsetzung des Wettrüstens mit Staubsaugern und Kühlschränken reicher (wobei die interessantesten von den internen Unstimmigkeiten in den feindlichen Lagern berichten). Man versteht zugleich auch, weshalb DDR-Politiker wie Walter Ulbricht, von persönlichen Geschmackspräferenzen einmal abgesehen, sich Anfang der fünfziger Jahre vom Bauhaus und allem, was irgendwie daran erinnerte, derart ostentativ distanzieren mussten, anstatt es weltanschaulich vereinnahmen zu können: Die Amerikaner waren ihnen schlicht zuvorgekommen.

Christian Demand, Designkolumne. Glatt

 

Nicht mit Derridas Tod im Oktober 2004, sondern erst jetzt mit dieser ersten, zunächst auf Französisch, dann auf Englisch und nun auf Deutsch erschienenen Biografie ist etwas zu Ende gegangen. Ihr bloßes Faktum zeitigt einen Historisierungsschub. Nun erst drängen sich Fragen auf, die bislang nicht ernsthaft gestellt wurden, vor allem jene, die eine Biografie unabweislich aufwirft: Was bleibt? Was war, und was ist geblieben, von Derrida, von der Dekonstruktion und von deconstruction ? Sich dieser Frage zu stellen, bedeutet fortan nicht mehr automatisch, Stellung zu beziehen in einem Streit für oder gegen Mannschaften oder Lager. Aber es bedeutet die Chance, etwas herauszufinden über das Vergehen von Gegenwarten, ihren Übergang in jene unmittelbar vergangene Geschichte, die Historiker Zeitgeschichte nennen.

Eva Geulen, Vitam instituere

 

Mit Staunen liest man, wie Pierre Schaeffer um 1950 in kurzer Zeit en passant Sampler, Sequenzer, 3D-Raumklang, Granular Synthesis vordenkt, später auch die ersten Geräte baut, denen solche Techniken zugrunde liegen, die bis heute die elektronische Musik prägen. Aber Schaeffer war nicht nur ein Pionier der modernen Medienmusik. Er war ein Empiriker des Klangs, der radikale Experimente wagte und der dann genau hinhörte, was er da produziert hatte. Darum kann man sein Buch auch als eine musikalische Medientheorie lesen, die Schaeffer aus seiner Arbeit mit Aufzeichnungsmedien entwickelte.

Tilman Baumgärtel, Ein Empiriker des Klangs

 

Damit erscheinen die Musen, wie Marroni ausgeführt hat, als Vertreterinnen einer geschlechtlichen »Konterrevolution«, die nicht den Sex, sondern die Sehnsucht zur Grundlage der Liebe macht und als Erfüllung eine gesteigerte Kreativität verspricht. Sie wirken also nicht in erster Linie durch ihre Körper, sondern vor allem durch die Argumente und die erotischen Impulse ihrer Schriften und Briefe. Damit wird ihre zeitweilige Ferne, die ja die Sehnsucht erzeugt, wichtiger als ihre physische Nähe.

Eberhard Demm, Wie funktioniert eine Muse?

 

Aber welchen besonderen Zweck hat eine politische Kleiderordnung, wenn dieser kein ästhetischer ist? Die Antwort erscheint recht offensichtlich: Uns soll der Politiker als prosaische Gestalt dargestellt werden, als Repräsentant des soliden Durchschnitts. Die Demokratie kehrt die gängigen modischen Imitationsanreize um: Nicht die Vielen imitieren die Wenigen, nicht mehr der Hof agiert als modisches Avantgardezentrum, als Ort, wo die Trends gesetzt werden, sondern die Herrscherperson verwandelt sich der Menge an – oder suggeriert diese Annäherung durch modische Anverwandlung mit Spekulation auf den politischen »Mehrwert der gefühlten Nähe« (Michael Jürgs).

Philip Manow, Demokratische Dresscodes und die Ästhetik des Mittelstands

 

Während es bei unseren Nachbarn im Westen für Mitglieder der Ehrenlegion selbstverständlich ist, sich die Miniatur täglich anzustecken, ist dies beim deutschen Bundesverdienstkreuz außerhalb von staatlichen Festakten dermaßen unüblich, dass Bundespräsidenten bei fast jeder öffentlichen Verleihung an die Geehrten appellieren, ihren Orden beziehungsweise die Miniatur doch bitte zu tragen. Nicht nur in den traditionell auszeichnungskritischen, einer spezifisch hanseatischen Kultur der Zurückhaltung verpflichteten Stadtstaaten Hamburg und Bremen, die als einzige Bundesländer keinen Landesverdienstorden gestiftet haben, spielen Ehrenzeichen in der Öffentlichkeit kaum mehr eine Rolle. Auch im Rest der Republik wird Ordensträgern eher Skepsis als Wertschätzung entgegengebracht.

Knut Bergmann, Wer hat, dem wird gegeben?

 

Ein historisches Versäumnis: Anstatt zu versuchen, Formen der demokratischen Partizipation zu entwickeln und den politischen Islam in den demokratischen Prozess zu integrieren, hatte sich das kemalistische Establishment hinter der Macht der Militärs versteckt und teilweise mit enormer Arroganz auf die seiner Ansicht nach ländlichen, rückständigen und engstirnigen Wähler konservativer Gruppen herabgeschaut. Darauf bezog sich Erdoğan, als er von den »beyaz türkler, siyah türkler« sprach, den »weißen Türken« des privilegierten Establishments und den »schwarzen Türken« der politisch marginalisierten frommeren Unter- und Mittelschicht.

Jan-Markus Vömel, Ein historisches Missverständnis

 

Mit dem Besuch aus Paris in Köln unterwegs. Dem Pariser ist eine gewisse, städtebaubedingte Ratlosigkeit anzumerken. Denn wer sich einmal daran gewöhnt hat, in zwanzig Pariser Arrondissements durchgängig beinahe ausschließlich homogenisiert historische, also alte Architektur vorzufinden, tut sich natürlich in einer Stadt wie Köln, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit knappen finanziellen Ressourcen zu mehr als neunzig Prozent neu aufgebaut werden musste, schwer, irgendetwas im schnellen Vorbeilaufen schön zu finden.

Stephan Herczeg, Journal (VII)


MERKUR Jahrgang 67, Heft 772, Heft 09, September 2013
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Martin Sabrow, Michael Rutschky, McKenzie Wark, Georg Stanitzek, Rudolf Stichweh, Christian Demand, Eva Geulen, Tilman Baumgärtel, Eberhard Demm, Philip Manow, Knut Bergmann, Jan-Markus Vömel, Stephan Herczeg,


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