MERKUR

Heft 08 / August 2014

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Woran erkennt man den Oligarchen? Da die Wenigen, wie gesagt, über so viele Merkmale verfügen, ist diese Frage nicht ganz leicht zu beantworten. Das sündig teure Penthouse in London, der Fußballklub, die extravagante Geliebte und die alle Rekorde brechende Abfindung für die Ex-Ehefrau – alles einschlägig, keine Frage, aber wir entscheiden uns für ein anderes Standardattribut: die Jacht. Der Oligarch ist neben dem Scheich eine öffentliche Person, die in ihrem Wikipedia-Artikel einen eigenen Eintrag zum Thema Jacht hat. Das weiß vielleicht die Osteuropaforschung nicht, aber ansonsten ist das wohlbekannt.

Wolfgang Kemp, Der Oligarch

 

Bin ich links? Ich habe es nie herausgefunden. Mir ist das unangenehm, weil die Zuordnung wichtig zu sein scheint; sie gilt als Teil der persönlichen Identität. Nicht zuletzt suggeriert sie, dass meine politischen Meinungen auf einer wohlumrissenen Fundamentalüberzeugung beruhen. Die Amsterdamer Universität entwickelte zur letzten Bundestagswahl einen Test, in dem man seine politischen Positionen auf ihre Passung zu Parteien testen konnte. Das Ergebnis war in meinem Fall ein großer Kreis, in dem sich fast alle deutschen Parteien fanden; die Software erklärte lapidar, ein so großer Kreis bedeute, dass meine politischen Positionen nicht kohärent seien. Aha, dachte ich mir, also sind die Parteiprogramme tatsächlich im Sinne der Amsterdamer Wissenschaft kohärent, und ich kann diese Kohärenz bloß nicht erkennen?

Remigius Bunia, Bin ich links?

 

Erfindung und Aufstieg von Google sind eine grandiose Leistung des unternehmerischen Kapitalismus, die auf ungeahnte Weise die Präferenzen der Menschen weltweit verändert hat. Vor 1998 wussten wir gar nicht, was uns gefehlt hat. Und jetzt können und mögen wir uns die Welt ohne Google auf keinen Fall mehr vorstellen. Der Erfolg von Google stützt sich vollständig auf eigene Kräfte. Es gab kein staatliches Anschub- oder Subventionsprogramm. Es gab auch keine Verträge, die die Vertragsfreiheit anderer aushebeln. Am Eigentumserwerb ist alles legitim; die Geschichte verlief zudem meritokratisch. Die Marktwirtschaft hat funktioniert, wie sie funktionieren soll.

Rainer Hank, Macht

 

Nicht nur die Feuchtigkeit staut sich in der Stadt, auch die Abgase von Autos und Kohleheizungen. Sie würzen den Nebel, er riecht nicht frisch, sondern künstlich, wie Bühnennebel, zehn Schritte ins weiße Nichts, denkt man, dann tauchen der Saal und das Publikum auf. In dieser Atmosphäre gedeihen die zahlreichen theatralischen Charaktere dieser Stadt, die in den Kafanas sitzen zur Aufführung ihrer selbst. Sie machen ihr Leben und ihre Stadt ein paar Nummern größer, als sie tatsächlich sind.

Leander Steinkopf, Sarajevo

 

Das Übergewicht der Männer bei den Richtern wird kaum als problematisch wahrgenommen, die Berufsverteilung in der Richterschaft bereitet der Politik hingegen vielfach Verdruss: Es seien zu viele Professoren (Professorinnen sind dabei wohl mitgemeint) am Gericht. Warum das so schlimm sein soll, ist allerdings weniger klar. Vermutlich feiert das abgedroschene Bild des weltfremden Professors im Elfenbeinturm hier fröhliche Urständ. Dann wäre aber genauer darzulegen, dass die Entscheidungen des Gerichts ihrerseits selbst weltfremd seien; davon kann allerdings keine Rede sein.

Ute Sacksofsky, Rechtskolumne. Wellen der Empörung

 

Die populäre Polemik gegen ein angeblich im „nationalen Container“ (Ulrich Beck) verfangenes, in einer territorialen Falle steckendes Denken der Sozialwissenschaften markiert also eine eigentümliche Ungleichzeitigkeit, weil sie sich als unfähig erweist, den faktischen Siegeszug des nationalstaatlichen Prinzips und seine offensichtlich anhaltende normative Strahlkraft angemessen zu erfassen. Das Präfix in der Diagnose von der postnationalen Konstellation transportiert dabei anscheinend auch ein neues Überlegenheitsgefühl: been there, seen that . Man glaubt den Nationalstaat bereits hinter sich und will kräftig zur Desillusionierung der noch euphorischen Neuankömmlinge beitragen.

Philip Manow, Politikkolumne. Nationalitätenfragen

 

Öffentliche Feste und Prozessionen bildeten einen Publikumsmagneten weit über die lokale Bevölkerung hinaus. Hier fand sich zu regelmäßigen, kalendarisch fixierten Terminen schlechterdings alles zusammen. Eine Inschrift im Vorfeld der großen Tempel von Elephantine entfaltete so eine Wirksamkeit, die die der früheren Expeditionstexte weit in den Schatten stellte. Wir beobachten hier die Entstehung einer Form von Öffentlichkeit im Horizont der großen Kulte, und es kommt darauf an, den spezifischen Charakter dieser Öffentlichkeit zu verstehen. Natürlich ist hier nicht an bürgerliche Öffentlichkeit im habermasschen Sinne zu denken. Gerade deshalb lohnt es sich, ihre Merkmale zu kartieren.

Stephan Seidlmayer, Neues aus der Alten Welt (VI). Pharaonische Felsinschriften im Gebiet von Aswan

 

Wenn China heute von vielen nicht mehr nur als glitzernder ökonomischer Koloss, sondern als Weltmacht auf einem eigenständigen Zivilisationspfad wahrgenommen wird, dann ist dies auch dem Wirken Julliens zuzuschreiben. Mit seinen gut dreißig Büchern, die er seit den achtziger Jahren in rascher Folge publiziert hat, ist er längst ein kulturelles Phänomen, das der Kritik bedarf: Man darf vermuten, dass es wie ein Spiegel die Erwartungen und Ängste reflektiert, die eine selbstkritische europäische Mittelschicht mit dem rasanten Aufstieg Chinas zu einer Weltmacht verbindet. Und es ist keineswegs klar, ob das Bild der filigranen Fremde, das Jullien in seinen Büchern entwirft, diese neue Realität überleben wird.

Kai Marchal, Vereinnahmung des Anderen

 

Ich nehme teil an einer medizinischen Studie zu meiner Kürzelkrankheit in der Universitätsklinik. Eine Flüssigkeit wird infundiert. Mir wird sonderbar. Die Sonderbarkeit steigert sich immer schneller ins Unerträgliche. Jetzt befindet sich mein Körper in grellem Aufruhr. Ein Kurzschluss aufs Ganze. Vor meinen Augen ein verrückter Tanz. Das ist das Ende, denkt es in mir. Nein, das ist kein Denken mehr. Ein inneres Signal nur noch. Ich kippe weg.
„Das war knapp“, sagt der Professor. Er ist blass. „Ein anaphylaktischer Schock.“
Ich exzerpiere: „Leben überhaupt heißt in Gefahr zu sein.“
Ich schreibe einen Essay.
Ich unterrichte gerne.

Silvia Bovenschen, „Wenn der lahme Weber träumt, er webe…“

 

Hier hat nicht einfach nur eine unerwünschte und xenophobe Partei einen Wahlsieg errungen, vielmehr hat sich darin eine schon länger andauernde Gesellschaftskrise zugespitzt, die die Parteien und Machtbalancen, ja das gesamte institutionelle Gefüge der Republik in Gefahr bringt. In dieser Perspektive ist das desaströse Scheitern der traditionellen Parteienformationen von links und rechts noch viel bedrohlicher als der Erfolg des FN selber. Marine Le Pen ist keineswegs unaufhaltsam, aber gerade da zeigt sich – bei allen Unterschieden – eine bedrückende Parallele mit der Dritten Republik: Die Lähmung der republikanischen Parteien, die Korruptheit der Verantwortlichen, die überzeugungslose Panik, schließlich die Ahnung, der Präsident selber wisse nicht mehr aus noch ein, lässt die Institutionen gegenüber ihren Gegnern so schwach erscheinen.

Wolfgang Matz, Chronik einer angekündigten Katastrophe

 

In seinem hundertsten Todesjahr erlebt Charles Péguy eine ungeahnte Wiederkehr. Eine breite Allianz aus Schriftstellern und Politikern von links bis rechts sieht sich in der Tradition des Schriftstellers. Edwy Plenel, Chefredakteur der Online-Zeitung Mediapart , erblickt in Péguy und seinem Kampf gegen die nationalistische Rechte in der Dreyfus-Affäre ein republikanisches Vorbild. Michel Houellebecq, ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt, sagt über Péguy: „Alles, was er schreibt, ist schön, seien es die Alexandriner, die Verse oder Prosa.“ Und der Zentrist François Bayrou, dreimaliger Präsidentschaftskandidat, sagt, seitdem er fünfzehn Jahre alt ist, vergehe keine Woche, in der er nicht Péguy lese. Ein Buch liege stets auf seinem Nachttisch.

Adrian Lobe, Ein Dreyfusar der ersten Stunde

 

Im Frühling erfüllte Kirschblütenduft die Luft über dem Hügel. Jetzt bietet der Baum dem sägenden Geräusch eine Heimat, auf einem kahlen Ast, der über die Krone des Baums hinausragt, hockt ein Körper, spatzengroß, mit gelbem Bauch. Emberiza citrinella heißt der Vogel, Goldammer. Die Goldammern mögen die kargen Landstriche, den Magerrasen, die Felsen, die Bäume und das Gestrüpp, in dessen Schutz sie nisten. Auch ich schätze diese Landschaft, daher sind mir die Stimmen dieser Vögel vertraut. Der Goldammerhahn schmettert seinen Reviergesang von hoher Warte, sein trockenes Schnarren ist mir das Geräusch der Sonne.

Günter Hack, Emberiza citrinella

 

Mir gegenüber sitzt mal wieder die junge afrikanische Mutter mit ihrer sehr hellhäutigen, rothaarigen, sommersprossigen Tochter mit bescheuerter Brille. Möglicherweise ist das Mädchen ein Albinokind, möglicherweise gibt es inzwischen eine politisch korrektere Bezeichnung für Albinokinder, möglicherweise bin ich aber auch unbewusst Rassist und das Kind hat einfach nur einen extrem bleichen, rothaarigen, brilletragenden Nordfranzosen, Südiren oder Ostholländer zum Vater. Drei Stationen später steigt immer ein geistig verwirrter Franzose zu, der unentwegt etwas vor sich hin brabbelt und mich dabei auf eine Weise fixiert, als ob er mir gleich am liebsten eine in die Fresse schlagen möchte.

Stephan Herczeg, Journal (VII)


MERKUR Jahrgang 68, Heft 783, Heft 08, August 2014
91 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Wolfgang Kemp, Remigius Bunia, Rainer Hank, Leander Steinkopf, Ute Sacksofsky, Philip Manow, Stephan Seidlmayer, Kai Marchal, Silvia Bovenschen, Wolfgang Matz, Adrian Lobe, Günter Hack, Stephan Herczeg,


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