MERKUR

Heft 08 / August 2012

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Zitate aus dem Augustheft 2012, Nr. 759

Solange es sich um die Konsumtion von Nahrung handelt, ist der Fall klar. Nahrung wird einverleibt, verdaut, assimiliert, in ihrer ursprünglichen Form vernichtet und umgewandelt in die Körpersubstanz des Konsumenten. Wie aber ist die Konsumtion der nichtessbaren Dinge vorzustellen? Ein Tisch, ein Stuhl, ein Rock, ein Schuh wird offenkundig nicht wie ein Butterbrot verzehrt, sondern benutzt und gebraucht. Der Gebrauch tut diesen Dingen augenscheinlich nicht dasselbe an wie der Verbrauch der Nahrung. Der von Charlie Chaplin in Goldrausch zum Verzehr gekochte Schuh ist die komische Ausnahme. Die Frage bleibt, warum die Ökonomie, die einerseits so entschieden vom Ge brauch spricht (etwa in der Gegenüberstellung von Gebrauchswert und Tauschwert), andererseits diesen ihr offenbar zentralen Terminus im Begriff des Ver brauchs verschwinden lässt.

Wolfgang Schivelbusch, Die Verbrauchskraft

 

»Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken erfasst« – wenn Hegel mit diesem Satz recht hat, muss sich auch die Bundesrepublik als Philosophiegeschichte schreiben lassen. Vielleicht so: Die erste Hälfte der (alten) Bundesrepublik ist Hermeneutik, die zweite Hälfte ist Ideologiekritik. Danach wird es allerdings schwierig. Hermeneutiker sind an Brüchen, Paradigmenwechseln, Epochenschwellen und Erschütterungen nicht interessiert. Für sie geht eigentlich alles immer einfach weiter. Nach Gadamer, der mit Wahrheit und Methode aus dem Jahr 1960 für die Hermeneutik maßgeblich ist, steht das »Einrücken in ein Überlieferungsgeschehen« im Zentrum der hermeneutischen Haltung. Die Ideologiekritik macht dagegen die Unverzichtbarkeit von Reflexion, Kritik und Erneuerung geltend. Autoritäten können nicht Erkenntnis verbürgen.

Helmut König, Die Bundesrepublik – eine Philosophiegeschichte

 

Die freischwebenden Intellektuellen waren eine Ersatzkonstruktion, bevor man anfing, sich für den gelehrten Stand zu interessieren. Und für den gelehrten Stand konnte man sich nicht interessieren, solange man nach Einkommensschichten oder anderen Schichten fragt. Und dann kommt Ende des 18. Jahrhunderts der Bildungsbegriff auf, und ab da geht es scheinbar überhaupt nur noch um »den Menschen«. Der Bildungsbegriff zehrt von den Vorgaben und Institutionen der Gelehrtengeschichte, leugnet aber die Standesdefinition und will für alle gelten. Man kann aber sehr schön zeigen, dass im Gegensatz Gebildete/Ungebildete die alte ständische Trennung zwischen Kopfarbeit und Handarbeit weiter relevant ist, bis ins 19. Jahrhundert.

Nacim Ghanbari / Heinrich Bosse, Die Erfindung der Bildung

 

Krebsartig hatte sich die Gewalt in jede politische Idee hineingefressen und hielt sie besetzt; für viele zählte nur die Bereitschaft, irgendetwas zu tun. Aktionismus war Selbstzweck geworden und führte zu noch mehr Aktionismus. Und das beste Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen und die Jugend für die eigene Sache zu gewinnen, war Wut. Die einzige Möglichkeit, dieser Verlockung von Gewalt nicht zu erliegen, schien darin zu bestehen, kein Anliegen zu haben, fern jeglicher Loyalitäten zu bleiben, sich rauszuhalten. Doch war das nicht eine gravierendere ethische Verfehlung als die Wut selbst?

Teju Cole, Open City: Brüssel

 

Nachts lese ich mich durch Wikipedia: die Geschichte der London Underground, der Metropolitan Railway und der neueren London Overground, alles über die Bahnprojekte Thameslink und Crossrail, ich lese mich von einem Bahnhof zum nächsten, von Link zu Link, von London Bridge über Liverpool Street, Waterloo, Victoria bis zur schönen, heute wenig geliebten Euston Station. Ich lese das alles auf meinem Telefon, das ich noch immer Telefon nenne, obwohl ich gar nicht so oft mit ihm telefoniere; es kann ja viel mehr als telefonieren, mein kleines Zauberkästchen. Es weiß alles über fast alles, es kann sprechen und fotografieren und ich auf und mit ihm alles finden. Die Zukunft, die Ernst Jünger im Jahr 1949 erdacht hat, ich halte sie in der Hand. In seinem futuristischen Roman Heliopolis heißt das Gerät, das alles kann und Zugang zum Weltwissen bietet, »Phonophore«; er hat also beinah´ sogar den Namen des iPhone vorweggenommen. Hat Steve Jobs vielleicht Ernst Jünger gelesen?

David Wagner, Literaturkolumne

 

Bis hin zu den inszenierten Sonnenkollektoren auf dem Dach ist alles an diesem Bauwerk monumentaler Kitsch ohne jede ernsthafte architektonische Aussage und ohne jede Rücksicht auf die komplexe historische und städtebauliche Situation, in der man sich hier befindet. »E-Uterus« ist noch der harmloseste Spitzname, den dieses Wahnsinnsgebilde erhalten wird. Da ginge es ja zumindest um eine Geburt: Euroskeptikern wird »Große Blase« oder »Urne Europas« näher liegen. Vielleicht hat Europa in seinem heutigen Zustand architektonisch tatsächlich nichts besseres verdient als das Ensemble von Berlaymont, »E-Uterus« und zwei Parlamentsgebäuden, von denen eines zu viel ist. Als Symbol von Hybris, Naivität und Korruption verstanden, könnte es zumindest kathartische Wirkung entfalten. Das Herz Europas wird man eines Tages an einem anderen Ort errichten müssen.

Christian Kühn, Architekturkolumne

 

In diesem Buch spielt Europa allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Es wird dargestellt als ein Ort, wo in der Vergangenheit einmal Weltpolitik geplant wurde, dem jedoch heute die Energie und der Wille fehlen, sich eine politische Form zu geben, die ihm einen Platz in der Weltpolitik garantiert. Das Schwergewicht der Weltpolitik hat sich Brzezinski zufolge vom Westen nach Osten verlagert. Im Kontext dieser Verlagerung wird heute der politische Westen vor allem durch die Vereinigten Staaten vertreten, während die europäischen Mächte, unter ihnen Deutschland, überwiegend eine kleinkarierte Nationalpolitik betreiben, die im Kräftespiel der globalen Politik nicht mehr ins Gewicht fällt.

Peter Uwe Hohendahl, Ostorientierung

 

Wenn der Mensch nur eine größere mathematische Analyse durchführen könnte, so wüsste er, wann sich welches Teilchen wo befände. Daraus ließe sich ableiten, wo es sich zu einem früheren Zeitpunkt befunden habe, und man könnte so jedes Wort, das je gesprochen wurde, wieder hörbar machen: Die Luft ist eine vollständige Bibliothek alles jemals Gesagten oder auch nur Geflüsterten. Sie enthält noch jeden Todesseufzer, jedes Versprechen und jedes Geständnis wie überhaupt auch jede andere mechanische Bewegung, die einmal ausgeführt wurde. Auf diese Weise, so Babbage, kette der Allmächtige den Mörder auch im Lauf der Zeit noch untrennbar an das Zeugnis seiner Tat. Denn der Allmächtige ist es, dem all diese Information stets zur Verfügung steht, er kann die Bibliothek, die die Welt ist, lesen, erschuf er doch ihre Gesetze.

Ralf Bönt, Goethe und das Internet

 

Preston versucht zu zeigen, dass im Spanischen Bürgerkrieg die Gewalt von rechts größere Dimensionen hatte als die von links. Zeitgenössische Berichte von Gräueltaten kamen aus Madrid, der republikanischen Hauptstadt, wo Berichterstatter und Botschafter die Aktionen der Republik beobachten und kritisieren konnten, nicht aber die der Rebellen – mit einigen Ausnahmen, wie der mit dem Fallschirm abgeworfenen Leiche. Preston erinnert daran, dass in dieser Zeit für das britische Establishment (Churchill war dafür ein gutes Beispiel) Morde durch den rechten Flügel nicht weiter ins Gewicht fielen. Aber mithilfe umfangreicher Unterlagen, die spanische Historiker unlängst veröffentlicht haben, zeigt Preston, dass annähernd 150.000 Spanier in Gebieten ermordet wurden, die unter der Kontrolle von aufständischen Nationalisten standen, im Vergleich zu etwa 50.000 in den republikanisch kontrollierten Gebieten.

Timothy Snyder, Grausamkeit

 

Auch aus der Natur der Sache, aus dem Geschäftskonzept »Wellness«, lässt sich kein Argument für ein Hausverbot herleiten. Gäste, die ruhestörenden Lärm veranstalten, mögen, wie gesagt, des Hauses verwiesen werden; nicht aber solche, die sich wellnessgerecht betragen. Seit langem gilt in der Rechtsprechung als gesichert: Ein bestimmungsgemäßes Verhalten berechtigt zur Nutzung allgemein zugänglicher Betriebe. Wer allerdings im Supermarkt klaut oder im Hotel andere Gäste belästigt, fliegt raus. Natürlich auch ein Parteifunktionär, der den begründeten Verdacht auf sich zieht, er werde durch politische Pöbeleien den Hausfrieden stören.

Horst Meier, Wohlfühlen in Deutschland

 

Wer in die Hauptstadt Tunesiens reist in der Erwartung, ein Land im revolutionären Aufbruch zu erleben, sieht sich zunächst enttäuscht. Im alltäglichen Getriebe der überlasteten Stadt deutet nichts darauf hin, dass das Land vor anderthalb Jahren eine umwälzende Revolution erlebt hat, die Jasmin-Revolution einer jungen Generation, die den Diktator Ben Ali gestürzt und damit die gesamte arabische Welt in Aufruhr versetzt hat. Kommt man mit Verkäuferinnen, Taxifahrern, Putzfrauen ins Gespräch, so geben sie unumwunden zu, unter Ben Ali sei es ihnen besser gegangen als heute.

Hansjürgen Bulkowski, Augenblicke in Tunis

 

Ziemlich bald bemerkt man allerdings das Streben einiger, dem Gastprofessor besonders positiv aufzufallen. Aufgabe für die erste Sitzung war es, Lektüreerlebnisse mit, so Goetz, »Welterfassungsertrag« mitzubringen. Die Teilnehmer, Studentinnen und Studenten aller Berliner Universitäten, haben Verschiedenstes gefunden, sie lesen Nachrichten aus dem Berliner U-Bahn-Fenster vor, Adorno-Stellen, eine Passage aus Georg Seeßlens Blödmaschinen , Blog-Einträge, Zeitungsartikel, Tweets. Goetz reagiert jedes Mal begeistert: »Wunderbar!«, »Großartig!«, »Toll!« Schlecht oder nicht welthaltig genug findet er nichts. Sogar die FDP-Wurfpost, die ein Student mitgebracht hat, in der in ekelhaftem Kumpelton vor einer Neuverschuldung Deutschlands gewarnt wird, begeistert Goetz: »Ich freu´ mich wahnsinnig, dass wir auch aus dieser Welt noch einen Flash reinbekommen!«

Jan Kedves, »Auch aus dieser Welt einen Flash«


MERKUR Jahrgang 66, Heft 759, Heft 08, August 2012
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Wolfgang Schivelbusch, Helmut König, Nacim Ghanbari, Teju Cole, David Wagner, Christian Kühn, Peter Uwe Hohendahl, Timothy Snyder, Ralf Bönt, Horst Meier, Hansjürgen Bulkowski, Jan Kedves, Ekkehard Knörer,

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