MERKUR

Heft 07 / Juli 2011

Diese Ausgabe erwerben
Printausgabe vergriffen, Artikel als PDF erhältlich, siehe unten
Gerwin Zohlen

Ein Lob der Gewöhnlichkeit . Über Architektur

« zurück zum Inhalt

Zitate:

Gibt es eigentlich eine neuere Architektur, die nicht in mehr oder minder direkter Traditionslinie des Rationalismus steht? Sich nicht nur graduell und im Maß der qualitativen Durcharbeitung von dessen kategorialen Vorgaben der Typisierung, Abstraktion und baukörperlichen Einfachheit unterscheidet? Wo sind die Architekturen, die mit bauplastischem Schmuck offensiv hantieren, die Fensterbedachungen und Faschen, Gesimse und Prellsteine, selbstbewusste Risalite und Bossierungen verwenden oder individuell auf die jeweilige Situation und den Kontext antworten? Gewiss, da tauchten in der letzten Dekade die von David Chipperfield so genannten "Wow-Architekturen" der turbokapitalistischen Finanzspekulation auf, die Signature-Buildings und Eye-Catching-Designs. Als Kronkorken oder Kapselheber, als Gurke oder Bleistift traten sie an, als Maiskolben und Segel, geknickte Giraffe oder aufgesteckter Baumkuchen mit Zuckerringen, gar als Wolke, selbst wenn man von ihr nur Stahl sieht. Sie pflanzten sich in Dubai und Shanghai, Peking, London, New York, sogar in München und Hamburg und anderswo auf. Nur Berlin blieb bislang frei von solchen Extravaganzen. Der Berliner Architekturtheoretiker Fritz Neumeyer hat diese Gebäude präzise als "Ornamente ohne Architektur" bezeichnet und damit den Bogen zum frühen Ornamentverbot des Rationalismus zurückgeschlagen, dessen überdrehte Rache sie sind. Und mögen sie auch manchem ästhetisch scheußlich erscheinen oder im Verhältnis von materialem Aufwand und beabsichtigtem Effekt ans Irrationale oder gar Absurde grenzen, so folgen sie gleichwohl nicht nur einer technischen und konstruktiven, sondern auch einer wirtschaftlichen und kulturellen Rationalität. Nur dass diese eben nicht die Rationalität ist, die aus dem Grund der Urbanität, sondern nur aus dem Wirbel der globalisierten Finanzteilchen spricht, könnte man einwenden. Und damit Recht und Argumentationsboden gewinnen. Doch bei Lichte betrachtet sind diese Gebilde bloß Rüschen am Kleid der rationalistischen Architektur, das unsere Epoche sich angelegt hat. Die übelsten Auswüchse des Großornamentgeschwurbels scheinen mit dem Fallieren der überdrehten Finanzindustrie ja auch schon wieder aus den Portefeuilles der Immobilienentwickler und Investorenfonds zu verschwinden − zumindest vorübergehend. Allenthalben ergeben sie keine breite Tendenz, sondern bleiben Ausrufezeichen, wie sie auch sonst in Texten vereinzelt auftauchen. Die breite Masse des zeitgenössischen Bauens ist von ihnen nicht infiziert. In Wirklichkeit hat der Rationalismus lange schon obsiegt, eigentlich seit er seinen historischen Sparringspartner und Gegner verloren hat, die gründerzeitliche Stadt und ihre feine Architektur, den Historismus und weiland auftretenden Expressionismus; wohlgefällig gedenken wir noch des Jugendstils. Gegen sie hatte er sein Vernunftargument der architektonischen Reduktion und Einfachheit, der Abstraktion und Kargheit in Anschlag gebracht, und dabei auf Geometrie und Typisierung gesetzt. Der Rationalismus verdrängte die reformwillige Architektur der verhaltenen Weiterentwicklung, die sich im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts zeigte und wurde zur architektonischen Moderne schlechthin.

MERKUR Jahrgang 65, Heft 746, Heft 07, Juli 2011
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Georg Franck, Karl Schlögel, Jakob Hessing, Michael Rutschky, Hansjörg Küster, Jürgen Osterhammel, Christian Demand, John Buntin, Walter Grasskamp, Gerwin Zohlen, Friedrich Pohlmann,


Unser Service für Sie

Zahlungsmethoden
PayPal (nicht Abos),
Kreditkarte,
Rechnung
weitere Infos

PayPal

Versandkostenfreie Lieferung
nach D, A, CH

in D, A, CH inkl. MwSt.
 
weitere Infos

Social Media
Besuchen Sie uns bei


www.klett-cotta.de/im-netz
Facebook Twitter YouTube
Newsletter-Abo

Klett-Cotta-Verlag

J. G. Cotta’sche Buchhandlung
Nachfolger GmbH
Rotebühlstrasse 77
70178 Stuttgart
info@klett-cotta.de