MERKUR

Heft 07 / Juli 2011

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Walter Grasskamp

Entgleiste Vorratshaltung . Zum Begriff des Sammelns

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Zitate:

Zeremoniell betrachtet, kennt das Sammeln drei verschiedene dramatische Stadien: Es vollzieht sich im Erwerb, im Arrangement sowie im Zeigen der Objekte. Das sind jeweils verschiedene Schauplätze sozialen Handelns − und manchmal, was für das Sammeln nicht untypisch ist, auch asozialen Handelns. Der Erwerb kennt viele Formen, sowohl technisch wie ökonomisch: Suchen und Finden gelten als seine normale kulturelle Motorik, aber nicht zwangsläufig in dieser Reihenfolge. Denn manchmal entsteht und wächst eine Sammlung, weil man etwas findet, ohne dass man es gesucht hat. Ohnehin kann man viele Dinge, die sich zum Sammeln eignen, gar nicht suchen, sondern nur durch Zufall aufgreifen. Es setzt freilich eine gewisse Sensibilität voraus, dass einem Dinge ins Auge fallen, ohne dass man nach ihnen gesucht hat, oder dass sie sogar scheinbar selbständig, also magisch, dafür sorgen, wahrgenommen zu werden. Sammleranekdoten ranken sich gerne um dieses Moment unvermuteter Begegnungen, die sich in der Tat so ausnehmen können, als hätten die Dinge sich ihren Sammlern bemerkbar machen wollen, gleichsam nach ihnen gerufen, und diese sich dann nur noch umdrehen müssen. Gerade dann lässt es das Sammeln als besonders dramatisch erscheinen, wenn man Dinge nicht erwerben kann, nachdem man sie auf diese Weise gefunden hat. Die Abenteuer des Erwerbs machen auch einen eminent sozialen Anteil dieser Obsession aus, zumal für Verkäufer und Käufer, für Konkurrenten oder Neider. So hat Honoré de Balzac in seinem Sammlerroman Cousin Pons behauptet, dass Sammler eine bestimmte Form des Erwerbs den anderen vorzögen, dass nämlich gerade im Tauschhandel das "unaussprechliche Glück der Sammler" liege − was ich übrigens nicht glaube: Wie öfters in seinen Romanweisheiten neigt Balzac auch beim Thema Sammeln zu apodiktischen Übertreibungen. Aber ohne Zweifel ist das Sammeln auch deswegen ein der Geldwirtschaft entzogenes Residuum, weil Tausch eine durchaus verbreitete Form des Erwerbs oder Veräußerns ist. Das ökonomisch Rätselhafteste am Erwerbsverhalten von Sammlern ist jedoch, dass sie meist Dinge suchen, die sie in der einen oder anderen Form schon besitzen; und das ist, könnte man sagen, eine entgrenzte Vorratshaltung und verleiht dieser Zeremonie eine Nähe zu Formen des entgleisten Konsumverhaltens, zumal zu den besonders tragischen Fällen, wenn Menschen in einer offenbar durchaus nicht seltenen Hilflosigkeit nicht mehr in der Lage sind, sich ihres Mülls zu entledigen und sich in der eigenen Wohnung schließlich nur noch durch Maulwurfgänge zwischen den aufgehäuften Schlacken ihres Konsums bewegen können.

MERKUR Jahrgang 65, Heft 746, Heft 07, Juli 2011
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Georg Franck, Karl Schlögel, Jakob Hessing, Michael Rutschky, Hansjörg Küster, Jürgen Osterhammel, Christian Demand, John Buntin, Walter Grasskamp, Gerwin Zohlen, Friedrich Pohlmann,

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