MERKUR

Heft 05 / Mai 2014

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Zitate aus dem Maiheft, Nr. 780

Die Literatur – wie im Übrigen auch die Sprache, aber das ist ein anderes und ebenfalls sehr weites Feld – ist kein Objekt im wissenschaftlichen Sinne. Ein wirklich für andere verfasstes Werk wird nur dadurch zu einem objektiv vorhandenen Gegenstand, dass man ihm den Anspruch auf andere verweigert und damit das Wesentliche an ihm. Oder anders gesagt: Man spricht zwar analytisch über Literatur, und man kann das auch tun. Aber keine Rede genügt, um hinreichend sagen zu können, was ein poetischer Text ist.

Thomas Steinfeld, General Stumm betritt die Bibliothek

 

In der ganz anderen »Zeitwelt« der sozialistischen Gesellschaft (...) regierte (...) ein rationeller Zeitcode, der auf der Gewissheit einer dienstbar gemachten Zeit beruhte. In einem sozialistischen Wirklichkeitshorizont, der Zeit nicht mehr als eine autonome Außengröße, sondern als eine unumschränkt beherrschbare Binnenpotenz wahrnahm und Arbeitsverrichtungen nach »Zeitaufwandswerten« in »Zeitnormativsystemen« und »Zeitnormativkatalogen« zu erfassen gewohnt war, hatten vierstündige Parteitagsreferate auch ohne erkennbaren rhythmischen Aufbau ihren legitimen Platz oder konnten DDR-Nachrichtensprecher es sich zu jeder Stunde leisten, ausnahmslos jede partei- und regierungsamtliche Verlautbarung mit der umständlichen Coda »Der Vorsitzende des Staatsrats und Vorsitzende der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Erich Honecker« einzuleiten, ohne dass eine solche – in unserem Verständnis – Zeitvergeudung zur Prime Time als unangemessen empfunden worden wäre.

Martin Sabrow, Die »Zeit« der Diktaturen

 

Ich frage den Mann, wie man die Dschallabija nennt, die er und die anderen omanischen Männer tragen. Er sagt, bei uns wird sie Dischdascha oder Kandura genannt. Ich lache und sage, Kandura klingt ja wie Tanura, das heißt Rock auf Arabisch. Der Mann findet mein kleines Wortspiel nicht witzig.

Claudia Basrawi, Intelligente Oberflächen

 

Dann wiederum heißt es: »You´re not even listening to me.« Wie sehr sich das auch nach einem lockeren Witz anhören mag, nimmt man es wörtlich, so haben wir es mit einer Verwendung der zweiten Person Singular zu tun, wie sie nirgends anders im Pop so eigenartig vorkommt, sieht man einmal ab von Carly Simons noch krasserem Dreh »You probably think this song is about you«. In beiden Fällen wird jedem, der den Song hört, das »You« augenblicklich entzogen. Solltest Du diese Worte hören, sie beziehen sich nicht auf Dich, ähnlich wie Autofahrer, die nicht drängeln, ja auch niemals die Worte zu sehen bekommen: »Wenn Sie das hier lesen können, fahren Sie zu dicht auf.«

Jonathan Lethem, Ist »Fear of Music« eine Talking-Heads-Platte?

 

Die Einsicht, dass mehrere Zugänge der Sache angemessen sind und Pop-Musik kaum aus der Perspektive nur einer Disziplin, einer Theorie, eines Ansatzes erfasst werden kann, wird häufig bestätigt, in der jeweils konkreten Fokussierung auf musikologische, soziologische, ökonomische, kultur- oder medienwissenschaftliche Fragestellungen, Methoden und Idiosynkrasien aber kaum weniger häufig auch wieder ausgeblendet. Mit Blick auf die je spezifische Akzentuierung vergisst man schnell, dass es weiterführend sein kann, als »kleinste Einheit« der Pop-Musik ein »aus Sound, Image, Zitaten und popgeschichtlichen Verweisen produziertes Zeichen« zu begreifen, wie es Diedrich Diederichsen im Anschluss an Dick Hebdige und andere marxistisch-semiotisch verankerte Subkulturforscher (wie den kürzlich verstorbenen Stuart Hall) bereits Anfang der achtziger Jahre vorgeschlagen hat.

Eckhard Schumacher, Popkolumne. Institutionalisierung und Sezession

 

Insgesamt sind in den evangelischen Kirchen partizipatorische Strukturen deutlich stärker entwickelt als in der römisch-katholischen Kirche und den diversen orthodoxen Kirchen im Lande. Dennoch sind auch die evangelischen Kirchen stark verfilzte und höchst intransparente Gebilde. Auch bei ihnen lässt sich immer wieder Misswirtschaft beobachten. Das Spektrum reichte in den letzten Jahren von Unterschlagung und Untreue bis hin zu kaum vorstellbarer ökonomischer Naivität.

Friedrich Wilhelm Graf, Religionskolumne. Elementare Paradoxien

 

Neuere Forschungen zeigen, dass das 4. und frühe 5. Jahrhundert das waren, was ein anonymer spätantiker Autor als das »goldene Zeitalter« bezeichnete. Die Einschätzung dieses Zeitgenossen wird von den Arbeiten der Archäologen zur Spätantike eindrucksvoll bestätigt. Ihre Ergebnisse werden von neuen Verfahren der Datenauswertung unterstützt, der survey archaeology auf der Basis allen Nutzern des Internet bekannter Kartierungstechniken; ebenso von Methoden, die es erlauben, große Materialmengen – Münzen, beispielsweise – auszuwerten, kurz: mittels der digital humanities . Die damit gewonnen Einsichten erlauben im Zuge des material turn neue Lesarten vorhandener Texte des »goldenen Zeitalters«.

Susanna Elm, Die Spätantike oder der lange Schatten Edward Gibbons

 

Heinz Risse, geboren 1898 in Düsseldorf, gestorben 1989 in Solingen, veröffentlichte seit dem Ende der vierziger Jahre – also ein später Debütant – kontinuierlich Erzählprosa (und Essayistik), wobei die Paratexte seiner Bücher oft gestanden, dass er seinen Lebensunterhalt nicht als tragisch freier Schriftsteller, sondern als Wirtschaftsprüfer verdiente, ein Beruf, in dem man viel von der frühen, durch ihr Wirtschaftswunder erschütterten Bundesrepublik zu sehen bekam. Wiewohl schon als Jüngling, weil nach Verlagsprospekten süchtig, mit dem Schriftstellernamen vertraut, habe ich erst jetzt drei Romane Heinz Risses gelesen. So frei von Schuld (1951); Dann kam der Tag (1953); Große Fahrt und falsches Spiel (1956). Sie behandeln alle drei, was schon der erste Roman im Titel führt, Schuld.

Michael Rutschky, Vergessene Dichter: Heinz Risse

 

Auf der Sollseite die »alternde Gesellschaft«, auf der Habenseite die »Verjüngung des Alters«: Das ist die neue bevölkerungsökonomische Rechnung, mit der das Alter vom sozialen Problem zumindest zu einem Teil von dessen Lösung werden soll. Dem widersprüchlich, ja widersinnig anmutenden Konzept des verjüngten Alters beziehungsweise der dahinterliegenden Sozialfigur der »jungen Alten« kommt im Kontext der gegenwärtigen Altersordnungspolitik entscheidende Bedeutung zu. Dass die heutigen Alten faktisch »jünger« sind als jene früherer Zeiten, ein heute sechzig- oder siebzigjähriger Mensch also nicht die Alterssymptome sechzig- und siebzigjähriger Männer und Frauen seiner Eltern- oder gar Großelterngeneration aufweist, dürfte mittlerweile zum allgemein geteilten sozialen Wissensbestand gehören.

Stephan Lessenich, Einfach nicht totzukriegen

 

Für einen redlichen Atheisten ist der Selbstmord als Möglichkeit ein sehr ernstes Problem, das gleichursprünglich und koextensiv mit dem Selbstbewusstsein ist, aber er ist kein »wirklich ernstes philosophisches Problem«, schon gar nicht das »einzige«, das mit einer quasitranszendentalen Deduktion ein für alle Mal gelöst beziehungsweise, wie bei Camus, negativ beschieden werden könnte. Er ist ein pragmatisches Problem, dessen Lösung sich nach empirisch kontingenten Umständen richtet. Genau so hat ihn auch die heidnische Welt gesehen, bevor das Christentum ihn verdammte – als größte Sünde wider Gott, weil eine solche Tat die Schöpfung selbst ablehne und damit den guten Schöpfergott zutiefst beleidige.

Rudolf Burger, Fallhöhe

 

Direkt am Eingang des Schlösschens, dort, wo einst die Gäste empfangen wurden, hängen rechts und links zwei große Spiegel. Als der Museumsdirektor mir zum Abschied die Hand küsst, verliere ich mich einen Augenblick lang in der unendlichen Reflexion. Wer sind wir, hier, in diesem Gewirr sich auflösender und neu sich bildender Grenzen, wir Ausländer aus dem reichen und gut abgeschotteten Zentrum Europas, hier, wo alle Epochen gleichzeitig zu existieren scheinen, in einer Landschaft, die bei uns als Synonym für das Abgelegene, das weit Entfernte schlechthin gebraucht wird und die uns auf einmal so nah ist, der Walachei?

Susanne Röckel, Neues Europa

 

Outlooks Härte darf man nicht unterschätzen. Maschinen sollen Arbeit abnehmen, so glaubt man, damit man sich auf wichtigere Dinge konzentrieren kann. Doch schon John Stuart Mill erklärte in seinen Grundsätzen der politischen Ökonomie , es sei fraglich, ob alle bisher gemachten mechanischen Erfindungen die Tagesmühe auch nur eines einzigen menschlichen Wesens erleichtert haben. Karl Marx, der diesen Satz im Kapital zitiert, kommentiert dazu süffisant: »Solches ist auch keineswegs der Zweck der kapitalistisch verwandten Maschinerie.« Sie sei vielmehr ein Mittel zur Ausbeutung. Sie hilft, mehr in immer kürzerer Zeit zu produzieren.

Jens Soentgen, Outlook™, der sanfte Tyrann

 

Mein Rad soll gerettet werden. Ich schiebe es zu einem kleinen Fahrradladen bei mir um die Ecke, der von einem Russen betrieben wird. Der Russe ist hier in der Gegend eine anekdotische Persönlichkeit und wird von allen immer nur »der Russe« genannt. Er spricht gebrochen Deutsch, was tiefergehende Gespräche und private Lebensrückfragen fast unmöglich macht. Eine Zeitlang hatte er mal ein massives Alkoholproblem und war schon am frühen Morgen schlimmstbetrunken, aber in allerbester Laune vor seinem Geschäft auf dem Boden hockend anzutreffen. Überhaupt bewunderte ich an ihm schon immer seine Hockbefähigung. Er kniet nie und verrichtet alle Reparaturarbeiten immer hockend, wie ein im Sandkasten spielendes Kind.

Stephan Herczeg, Journal (XIV)


MERKUR Jahrgang 68, Heft 780, Heft 05, Mai 2014
94 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Thomas Steinfeld, Martin Sabrow, Claudia Basrawi, Jonathan Lethem, Eckhard Schumacher, Susanna Elm, Michael Rutschky, Stephan Lessenich, Rudolf Burger, Susanne Röckel, Jens Soentgen, Stephan Herczeg,







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