MERKUR

Heft 05 / Mai 2013

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Zitate aus dem Maiheft, Nr. 768

Prototyp aller Abschlussprüfungen ist das Abitur geworden, der Urknall unseres Bildungskosmos um 1800. Seitdem der Staat zugriff, beteiligt sich das Bildungswesen am Selektionsdruck des Arbeitsmarktes, indem es ihn vorwegnimmt. Nun diffundiert das Prinzip der Präselektion durch alle Bildungsanstalten, da sie die Verteilung von Sozialchancen regeln. Indem sie von Staats wegen Qualifikationen erteilen oder vorenthalten, ist aus einer Gesellschaft der Standesunterschiede die Gesellschaft der Qualifikationsunterschiede geworden.

Heinrich Bosse, Die Krise der Abschlussnote

 

Die Maschinenmetapher, gleich ob affirmativ oder kritisch gewendet, impliziert die Vorstellung eines Subjekts, das sich aufspaltet einerseits in eine technische Apparatur, andererseits in eine Instanz, die diese beobachtet und sie entweder zu optimieren sucht oder ihren Rückbau zu einem fühlenden Wesen einleitet. Adressiert werden die Menschen im Burnout-Diskurs als leere Akkus und seelenlose Roboter, aber auch als Wartungsingenieure ihres Lebensmotors und Renaturierungsexperten des eigenen Gefühlsbiotops. Objektivierung und Subjektivierung, Selbstdisziplinierung und Selbstsorge, Mimesis an die Technik und Maschinenstürmerei im Namen eines nichtentfremdeten Lebens laufen parallel.

Ulrich Bröckling, Der Mensch als Akku, die Welt als Hamsterrad

 

Der unausgeführte Hintergrund, die Dominanz des Negativraums, war die formalästhetische Innovation, die die minimalistischen Peanuts in den Zeitungscomic eingeführt hatten. Das Offengelassene. Ob das, was Lucy sprüht, Sound ist oder Bild oder beides, lässt sich im Comic Strip nicht entscheiden. Lucy macht ein Geräusch und malt ein Bild. Statt einer klar konturierten Sprechblase kommuniziert in diesem Strip eine Wolke. »[K]ein Gegenstand, sondern ein Werden ... ein Ereignis der Wahrnehmung, das an der Schwelle des Sichtbaren passiert ... ein Handeln ohne Handelndes.« Eine Wolke mit Elementen eines Bausatzes. Näher an einer Gedankenblase als einer Aussage. Wir befinden uns im Raum der historischen Mediendifferenz.

Rembert Hüser, Adorno in Dosen

 

Platscheks Verrisse dokumentieren die Empörung eines überzeugten Modernisten, für den die Kunst nicht so sehr eine ästhetische Angelegenheit war als vielmehr eine moralische Haltung – eine Unbedingtheit, die vom Künstler unter allen Umständen einen aufrechten Gang fordert und keine billigen Gags und einfachen Rezepte duldet. Der Polemiker Platschek war also zuallererst Moralist. Er war zutiefst davon überzeugt, dass es gute und schlechte Kunst beziehungsweise Kunst und Nichtkunst gibt und dass der Unterschied aus Können plus Haltung besteht. Das ist die größtmögliche Schieflage, in die man gegenüber dem zeitgenössischen Kunstbetrieb geraten kann.

Christian Demand, Heiliger Narr

 

Die Tatsache, dass der Popdiskurs dem Bildungskanon der Kultiviertheit einen alternativen, nicht minder rigide konturierten Kanon entgegensetzt, der als implizit bleibendes Wissensreservoir in der Regel auch nur implizit kommuniziert wird, ist in ihren Konsequenzen bislang ebenso wenig analysiert worden wie die Mechanismen, durch die situationsbedingte Distinktionsgesten und hedonistisch abgefederte ästhetische Strategien im Schreiben über Pop in ideologische Positionierungsmanöver umschlagen können.

Eckhard Schumacher, Popkolumne

 

Die Pauschalverwerfung von Anthropologie gehört seit gut einem Jahrzehnt der Vergangenheit an. Zwar wirkt die langehin subkulturell gepflegte Berührungsscheu hier und dort noch nach. So etwa, wenn ein überwältigender Forschungsbericht über die europäische Ubiquität der archaischen Rundbautenarchitektur im Vorwort auch dafür gelobt wird, dass sich die Autorin der anthropologischen Deutung ihrer Befunde enthält. Doch überwiegend trauen sich die Philosophie und befreundete Geisteswissenschaften nicht allein im Blick auf die Diachronie der historischen Entwicklung, sondern auch auf die Synchronie der ethnischen Vielfalt die Abstraktion wieder zu. In der ideengeschichtlichen Aufarbeitung historischer Positionen wie in der systematischen Aktualität ist die Frage wieder zugelassen: »Was ist der Mensch?«

Birgit Recki, Philosophiekolumne

 

Erzählungen handeln von abgeschwächten, uneindeutigen Kausalitäten. Sie müssen einen Bruch mit den Erwartungen der Zuhörer vollziehen, aber dieser Bruch muss selber neuen Sinn erzeugen. »Spannung ist die Kombination von Überraschung und befriedigter Erwartung.« Glaubwürdig, so Koschorke, sei derjenige, der eine Anomalie erzählerisch mit einem Akteur und einer Absicht versehen kann. Ohne Helden geht das nicht: »Der Held ist unverzichtbar, weil er erfolgreich Sinn reduziert.« Kommt Ihnen der Sound bekannt vor, das kühle Understatement, die ironische Verdichtung, aber plus großer Geste der allgemeingültigen Definition?

Valentin Groebner, Überschwängliche Ausnüchterung

 

Wer vom Parteiverbot spricht, darf über die Parteienfreiheit nicht schweigen. Diese Freiheit, nicht etwa ihre Rücknahme durch ein Verbot, ist die Errungenschaft des Grundgesetzes gegenüber der Tradition des deutschen Obrigkeitsstaats. Jeder Eingriff in die Parteienfreiheit stellt eine Verzerrung des politischen Wettbewerbs dar. Man sollte nicht vergessen, dass die Mehrheitsparteien über die Antragsberechtigung verfügen und leicht der Versuchung erliegen, eine lästige Konkurrenz ausschalten zu lassen. Daher aktualisiert jedes Parteiverbot die Frage nach dem legalen Spielraum von Opposition. Dieser steht auch angesichts »unerträglicher« Parteien nicht einfach zur Disposition. Und das Argument des Steuerzahlers sollten jene, die aus der üppigen staatlichen Finanzierung ganz andere Summen einstreichen, besser nicht strapazieren.

Horst Meier, Endlosschleife NPD-Verbot

 

Für gläubige Katholiken leitet Gott selbst die Kirche; sie mögen je nach ihrer Haltung zur Person Joseph Ratzingers den Rückzug begrüßen oder bedauern, den Glauben wird er nicht erschüttern. In eher säkularen Kontexten aber werden gerade Päpste faszinierenderweise noch immer als eine Art Weltmonarchen wahrgenommen. Das belegt paradoxerweise gerade die Kritik an ihnen. Indem Nichtkatholiken sich über die moralischen Positionen der Päpste zur Sexualität etc. erregen und zugleich ihre öffentlichen Mahnungen gegen den entfesselten Kapitalismus etc. begrüßen, unterstellen sie nämlich zumindest deren Zuständigkeit.

Michael Stallknecht, Bürger Papst

 

Die Bienenfresser leben im Schwarm und stehen ständig über ihre Signalrufe in Verbindung. Auch wenn sie sich ausruhen, entgeht ihnen nichts. Ihr Blick strahlt eine fremde Form von Intelligenz aus, eine Vogelintelligenz, die andere Aspekte der Umwelt berücksichtigen muss als unsere. Als Jäger spüren sie meinen Blick sofort. Auch ich komme aus einer Familie von Jägern, aber ich habe schon früh beschlossen, nicht eingreifen, sondern nur beobachten zu wollen. Der französische Philosoph François Laruelle schrieb in diesem Zusammenhang von der posture photographique , der fotografischen Haltung, einer leicht angespannten abwartenden Aufmerksamkeit, seinem Entwurf einer Erkenntnistheorie.

Günter Hack, Wind in Form eines Bienenfressers

 

Sollte man zugeben, Deutscher zu sein, entfacht sich darüber erstaunlicherweise ein wahrer Begeisterungssturm, der meist in übertriebenen Lobpreisungen der Stadt Berlin gipfelt. Berlinkritische Anmerkungen sind nicht gerne gesehen und werden entweder ignoriert oder als kleingeistig und typisch deutsch abgetan. Recht bald werden zur Unterstreichung der Deutschlandliebe ein paar deutsche Vokabeln hervorgekramt und mit falschem bestimmten Artikel und entzückendem französischen Akzent vorgetragen. Franzosen mit Philosophiestudium sagen dann meistens »Urteilskraft« und Nichtakademiker »Kartoffel«.

Stephan Herczeg, Journal (III)

MERKUR Jahrgang 67, Heft 768, Heft 05, Mai 2013
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Heinrich Bosse, Ulrich Bröckling, Rembert Hüser, Christian Demand, Eckhard Schumacher, Birgit Recki, Valentin Groebner, Horst Meier, Michael Stallknecht, Günter Hack, Stephan Herczeg,


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