MERKUR

Heft 04 / April 2011

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Gerhard Henschel

Sind sie dreckig, oder tun sie nur so? . Über Keith Richards' Autobiographie

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Zitate:

Im ersten und bislang einzigen Band seiner Autobiographie Chronicles hat Bob Dylan sich über sein Privatleben weitgehend ausgeschwiegen, zur Enttäuschung aller Sensationspressevertreter, die sich aufsehenerregende Pikanterien erhofft hatten. Mit Reportern dieses Schlages hatte er noch nie etwas zu tun haben wollen: "Meine Familie war mein Licht, und dieses Licht wollte ich um jeden Preis beschützen. Das war meine erste, meine letzte und überhaupt meine einzige Pflicht. Was war ich dem Rest der Welt schuldig? Nichts. Einen feuchten Dreck. Und die Presse? Ich war zu dem Schluss gekommen, dass man ihr am besten nur Lügenmärchen auftischte." Eric Burdon hingegen hat in seinen Memoiren My Secret Life den Affen Zucker gegeben und beispielsweise davon berichtet, wie er seine "auf vollmast geflaggte Männlichkeit" an Bord eines altersschwachen zweimotorigen Flugzeugs "der legendären Cynthia Plaster Caster" zu präsentieren versucht habe, damit sie ein Gipsmodell davon herstellen könne. Keith Richards von den Rolling Stones wiederum bewegt sich in seinen im Herbst 2010 unter dem größtmöglichen Medienbrimborium erschienenen Lebenserinnerungen Life auf einem Schlingerkurs zwischen Diskretion und schlagzeilenträchtiger und dadurch auch auflagensteigernder Exhibition. Er berichtet freimütig über seinen rabiaten Umgang mit Groupies und legt Wert auf die Feststellung, dass er wählerisch gewesen sei: "Es waren einige aufdringliche Opportunistinnen darunter, wie die sogenannten Plaster Casters, die Schwanzabdrücke von Rockmusikern sammelten. Von meinem haben sie keinen bekommen, dafür war ich nicht zu haben." Zu haben ist er jetzt jedoch für nähere Auskünfte über seinen Drogenkonsum, über Abstürze und interne Streitigkeiten, über Schlägereien und Schießereien und auch für die Schilderung sexueller Erlebnisse mit namentlich genannten Frauen. Es mag sein, dass ein Rockstar, der sich seit Jahrzehnten mit überwältigendem Erfolg als Tunichtgut auf einer Tournee um die Welt befindet und sein Privatleben, sei es aus Übermut, aus Resignation oder aus Sorglosigkeit, nicht so wachsam hütet wie Bob Dylan, kein moralisches Problem in der Preisgabe intimer Details aus seinem Liebesleben erkennt, sondern schlicht der Gewohnheit gehorcht, sich selbst als das Maß aller Dinge zu setzen und vom Markenzeichen der eigenen Ruchlosigkeit zu profitieren. Auf diese zukunftsträchtige Idee war Andrew Loog Oldham gekommen, der erste Manager der Stones: Bereits mit neunzehn Jahren hatte er sich grundlegende Erfahrungen als Mitarbeiter des Beatles-Managers Brian Epstein angeeignet, und er diente den Stones zu Beginn ihrer Karriere gewissermaßen als Entwicklungshelfer bei der Vervollkommnung des schlechten Rufs, der ihnen anhing. "They were all bad boys when I found them. I just brought out the worst in them", hat er in seinen Erinnerungen Stoned vermerkt, nicht ohne Stolz. Er habe sie ermuntert, sich so unflätig wie nur irgend möglich aufzuführen, um sich das populäre Image einer von allen Eltern inbrünstig gehassten Band zu verschaffen: "I was promoting the idea that the Rolling Stones were ´the group parents loved to hate´". Nach Auskunft von Bill Wyman hat Oldham mit Entzücken das Gerücht bestätigt, dass die Rolling Stones sich nur ungern und auch nicht allzu häufig wüschen.

MERKUR Jahrgang 65, Heft 743, Heft 04, April 2011
broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Hermann Lübbe, Georg Franck, Sigbert Gebert, Stephan Wackwitz, Wilfried von Bredow, Otfried Höffe, Jürgen Kaube, Ingo Meyer, Gerhard Henschel, Karl Heinz Bohrer, Reinold Schmücker, Klaus Birnstiel,

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