MERKUR

Heft 03 / März 2015

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Weimar

Die überforderte Republik 1918-1933. Leistung und Versagen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur

Gebhardt: Handbuch der deutschen Geschichte. Band 18

Gebhardt; Band 18; Weimar - die überforderte Republiuk 1918-1933

Schulden

Die ersten 5000 Jahre

Kunst hassen

Eine enttäuschte Liebe

Raubtier Mensch

Die Illusion des Fortschritts
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Zitate aus dem Märzheft, Nr. 790

Und nur nebenbei sei erwähnt, was Beltracchi für Campendonkgeleistet hat: Dieser war vorher unter den Expressionisten einer der eherweniger bekannten gewesen. Erst Beltracchis Schöpfungen beziehungsweise die Auktionen,auf denen sie losgeschlagen wurden, verschafften ihm größere Aufmerksamkeit; eswar die Rede von einem »Höhepunkt der Auktion« und einem »Schlüsselwerk derModerne«. Die Preise für den Maler stiegen um etwa das Dreifache. Davon hatsich Campendonk sozusagen bis heute nicht erholt; auch nach BeltracchisEntlarvung ist die in Heller und Pfennig ausgedrückte Wertschätzung erhaltengeblieben. 

Burkhard Müller, Beltracchi.Oder warum die Kunst den Zweifel braucht

 

Von Weißrussland über Aserbaidschan und Iran bis nachSingapur knüpfen Despotien bereitwillig an die institutionellen Versatzstückeeiner elektoralen Demokratie an und führen  das allgemeine Wahlrecht ein. Siegeben (einigen) Kandidaten die Möglichkeit, ein politisches Amt zu bekleiden;der Regierungschef muss sich durch Wahlen im Amt behaupten; ein Minimum anMehrparteienwettbewerb ist möglich. Darüber hinaus perfektionieren Despotiendie dunklen Künste der Manipulation. Sie werfen unliebsame Gegner aus demRennen, kaufen Stimmen und schüchtern Wähler ein. Sie fabrizieren reißerische Medienereignisse,teilen Wahlkreise zum eigenen Vorteil neu ein, fingieren Wahllisten und sorgendafür, dass Stimmzettel verschwinden. Wahlen sind hochfunktionale Instrumentedes despotischen Regierens.

John Keane, Die neue Despotien.Vorstellungen vom Ende der Demokratie

 

In Deutschland bestimmen Fragen der Ökonomie, die Erhaltungund Verteidigung des Wohlstands zumindest diskursiv die politische Agenda, inder Ukraine ging es um Werte und einen kaum präziser definierten Neuanfang fürdas Land, jetzt geht es im Krieg mit Russland um das Leben der Bürger.Diejenigen deutschen Kommentatoren, die in der Pose des kritischen undvernünftigen Beobachters und im Namen des »Friedens« eine Verständigung mitRussland auf Kosten der Ukraine fordern, tun dies aus einer »Zone desWohlstands, Komforts und der Sicherheit« heraus, von der die allermeistenUkrainer (und auch Russen) derzeit nur träumen können.

Franziska Davies, ZurDebatte über die Ukraine. Deutschland und der Euromajdan

 

Ist das das Spezifische an der politischen Architektur derDemokratie, dass sie nie ohne eine völlig autonome Reaktion ihres Adressaten, dessouveränen Volks, entstehen kann (und Teil seiner unvorhersehbaren Reaktion dieUmnutzung vordemokratischer Architektur ist)? Und dass überhaupt das souveräneVolk zugleich Schöpfer und Adressat dieser Architektur ist, sie also nur alseine Form der kollektiven Selbsteinwirkung verstanden werden kann?

Philip Manow, Politikkolumne.Demokratie und Architektur

 

Waren die Schulden der Jahre nach dem Ersten WeltkriegKriegsfolgen, war die deutsche Verschuldung zudem politisch erzwungen, so sinddie heutigen Schulden größtenteils freiwillig entstanden. Die Folgen sinddennoch dieselben. Griechenland etwa geriet in eine Situation, die derDeutschlands unter den Bedingungen des Dawes-Plans durchaus vergleichbar ist:Das Land musste, um Kredite zu bekommen, einen Teil seiner Souveränität aufgeben.

Werner Plumpe, Ökonomiekolumne.Schulden

 

Mit Peter Gays Weimar Culture (1968) wurde erstmalsprononciert jener Begriff ins Zentrum geschoben, den man mit Weimar alsendgültig gestorben ansah: der Begriff der Kultur. Seitdem hat sich eine Lawinevon netten, auf diesen Begriff orientierten Geschichten und Biografien großer,mittlerer und kleiner Geister in Gang gesetzt. Unten angekommen, und unterwegsaller methodischen und intellektuellen Standards verlustig gegangen, sonnt mansich in der Erinnerung an die schrecklich schöne Zeit.

Thomas Meyer, DieWeimarer Republik

 

Max Weber hat ein eigenwilliges Forschungsprogramm entwickelt,dem die heutigen Sozialwissenschaften recht verständnislos gegenüberstehen. Dashat zum einen mit dem erreichten Stand der Ausdifferenzierung der Disziplinenund der Spezialisierung der Themen zu tun; zum anderen aber hängt diesesUnverständnis mit seinem universalgeschichtlichen Ansatz selbst zusammen. MaxWeber unternimmt den umfassenden Versuch, die gesellschaftlichen Ordnungen undMächte in Antike, Mittelalter und Neuzeit in ihrer Konfiguration zu erfassenund ihren jeweiligen Einfluss auf die Lebensführung der Menschen abzuschätzen.

Hans-Peter Müller, MaxWeber und kein Ende

 

Tatsächlich haben sich die kleinen Literaturblätter inhöchstem Maße um die Literatur der Moderne verdient gemacht. Selbst einmodernistisches Zentralmassiv wie James Joyce´ Ulysses erschien zuerst inder programmatisch »kleinen« Little Review, laut Untertitel ein »Magazinder Künste, das mit dem öffentlichen Geschmack keine Kompromisse eingeht«. TheLittle Review druckte den Ulysses nicht nur vom Frühjahr 1918 bisWinter 1920 als eine Art radikalmodernen Fortsetzungsroman, sondern publizierteparallel dazu kritische Kommentare, um das erratische Werk durch einediskursive Rahmung überhaupt rezipierbar zu machen.

Carlos Spoerhase, KleineMagazine, große Hoffnungen

 

... das war es denn wohl auch, was meine kindliche Hoffnungbeseelte, wenn ich mir von Jahr zu Jahr als Geschenk unter dem Weihnachtsbaumeinen immer noch etwas größeren Faber-Castell-Kasten mit Farbstiften wünschte:die nicht zu sättigende Hoffnung, es möge zwischen Senfgelb und Ocker, zwischenOliv- und Grasgrün immer weitere neue Nuancen wirklich auch geben; wozudie Enttäuschung gehörte, dass die ersehnte zusätzliche Nuance in derFarbpalette nicht vorkam und, kaum hatte man den entsprechenden Stift in derHand, die Hoffnung wieder aufflackerte auf mehr Zwischenraum, darauf, dass dakein Loch, kein Schnitt, kein Bruch, sondern sinnlich wahrnehmbarer Mehrwertsei. Mehr Unterscheidbarkeit, infinitesimal feinere Unterschiede. Mehr Nuance,die kein implizites Gegenteil zu haben scheint.

Christiaan Lucas HartNibbrig, Was ist eine Nuance?

 

Wäre das »Enfant terrible« Warhol noch für ein Interviewverfügbar gewesen, hätte er sicher gerne bestätigt, nie besser verstanden wordenzu sein als in der herzlosen Wiederverwertung seiner Bilder durch HanneloreKraft, der er gleich auch ein Prominentenporträt im genialen Polaroid-Glitzerramsch-Stilseines Spätwerks angedient hätte. Denn wie sie es schaffte, in der Vermarktungdie intendierte Bedeutung eines jeden Warhol-Kunstwerkes noch einmal hellaufscheinen zu lassen – dafür hätte sie eine Extraportion Diamantenstaub aufder Leinwand verdient gehabt.

Walter Grasskamp, DoubleAndy. Plädoyer für die halbe Aufregung

 

Am Friedhof sehe ich den Flug der Falken selten alsvollkommene Kurve, meist nur zerhackt durch dunkles Eichengeäst. EineGestaltpsychologie des Falkenblicks würde interessante Ergebnisse zeitigen. Wassehen die Vögel, wenn sie durch die Zweige eilen, was schließen sie daraus? DasFalkenweibchen kümmert sich nicht um mich, obwohl ich nicht weit vor ihr stehe,auf offenem Weg. Sie wartet auf ein Zeichen in der Wiese. Ignorierte sie nichtdie Menschen ringsum, so könnte sie hier nicht leben.

Günter Hack, Fasanedes Kaisers, Falken der Republik

 

Man hat sich auch schon längstan patrouillierende Soldaten mit Maschinengewehren am Eurostar-Terminal desPariser Gare du Nord oder an den Metro-Ausgängen der Place de la Républiquegewöhnt. Und jedesmal, wenn sie einem wieder auffallen, die jungen Soldaten mitihren ernsten Gesichtern, das Maschinengewehr vor der Brust verschränkt,erschrickt man ein paar Sekunden lang und denkt kurz: Stimmt ja, ich könntenicht nur jederzeit einem Herzinfarkt erliegen und hier sofort tot umfallen,sondern auch in der Metro von dem gutaussehenden jungen Mann mit dem großenSprengstoffrucksack links neben mir in die Luft gesprengt oder von dem Soldatenam Metro-Ausgang versehentlich erschossen werden, weil dieser beim Nachschnürenseiner Militärspringerstiefelschnürsenkel in gebückter Haltung ungewollt an denAbzug seines Maschinengewehrs gerät. Aber dann passiert doch nichts, und mankann sich den Rest des Tages wieder anderen möglicherweise bevorstehendenTodesarten widmen. Zum Beispiel jenen ganz ohne Fremdeinwirkung, die mit langemSiechtum einhergehen.

Stephan Herczeg, Journal(XXIV)


MERKUR Jahrgang 69, Heft 790, Heft 03, März 2015
104 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Burkhard Müller, John Keane, Franziska Davies, Philip Manow, Werner Plumpe, Thomas Meyer, Hans-Peter Müller, Carlos Spoerhase, Christiaan Lucas Hart Nibbrig, Walter Grasskamp, Günter Hack, Stephan Herczeg,


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