MERKUR

Heft 03 / März 2014

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Zitate aus dem Märzheft, Nr. 778

Außer ihren Laptops ist den linken Intellektuellen beinahe nichts geblieben. Die Einkommensmöglichkeiten sind auf ein Minimum geschrumpft, viele hungern, ihre Presse und ihr einziger Radiosender sind ausgeblutet, Möglichkeiten zu Werbeeinahmen sind ihnen genommen, in den rechts beherrschten Städten sind viele bekannte oppositionelle Schriftsteller Persona non grata, dennoch wollen sie nichts davon hören, dass hier Diktatur sein soll. Wo denn, schließlich darf man in ein oder zwei alternativen Theatern noch widersprechen!

András Bruck, Hinterausgang

 

Am Völkerschlachtdenkmal: Ein Van hat Plastiksäcke eingesammelt, die die sogenannten Ein-Euro-Jobber mit herumfliegenden Müllfetzen, Zigarettenkippen und vielleicht auch mit Laub gefüllt haben. Weiter hinten parken die Touristenbusse. Die Müllsäcke werden auf einen großen Anhänger geworfen. »Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu dir von der Erde«, steht auf einer Tafel.

Rasmus Althaus, helpen worde nicht, so helpen slege

 

Im sich ausdehnenden Universum bilden sich Blasen, jede von ihnen entwickelt sich zu einem Big oder Small Bang, vielleicht jede mit unterschiedlichen Werten für das, was wir normalerweise Naturkonstanten nennen. Die Bewohner (falls sie existieren) jeder einzelnen Blase können andere Blasen nicht beobachten, sodass ihnen ihre Blase als das ganze Universum erscheint. Das ganze Aggregat all dieser Universen bezeichnen wir heute als das »Multiversum«. Diese Blasen realisieren möglicherweise sämtliche unterschiedlichen Lösungen der Gleichungen der String-Theorie. Wenn das stimmt, hoffen wir vergeblich darauf, eine rationale Erklärung für die genauen Werte der Quarkmassen und andere Konstanten des Standardmodells zu finden, das wir in unserem Big Bang beobachten – denn diese Werte wären ein Zufall des speziellen Teils des Multiversums, in dem wir leben. Wir müssten uns mit einer kruden anthropischen Erklärung einiger Aspekte des Universums, das wir sehen, begnügen: Jedwede Wesen wie wir, die in der Lage sind, das Universum zu studieren, müssen in einem Teil des Universums sein, in dem die Naturkonstanten die Evolution von Leben und Intelligenz erlauben.

Steven Weinberg, Was wir wissen – und was nicht

 

Die arbeitsteilige Ökonomie des Wissens befreit uns nicht von der Hermeneutik, auch das Internet nicht. »Für die digitalen Medien ist der Text entscheidend« (Alain Le Diberder). Solange man Texte nicht in einen Wissensrohstoff zurückverwandelt, sind Schulwissenschaften nötig, die kommunikatives Wissen kultivieren. Man hat sie verkannt, wenn man sie auf die Akkumulation von Wissen oder die Steigerung des Sozialprodukts verpflichtet.

Heinrich Bosse, Brot- und Schulwissenschaften

 

Offenbar eignen sich Serienformate auf besondere Weise dazu, unter den Bedingungen einer ausdifferenzierten Medienkonsumsphäre mittelfristig tragfähige Bindungen herzustellen. Die »Sucht«, von der Serienzuschauer in entsprechenden Fan-Foren immer sprechen, verweist auf Rezeptionsvorgänge, die oft wiederholt und deshalb angebotsseitig vergleichsweise präzise kalkuliert und kommodifiziert werden können.

Simon Rothöhler, Filmkolumne. Content in Serie

 

Deutsche Exporterfolge sind also keine Ausnahme oder irgendwie mysteriös, sondern seit den 1880er Jahren der Regelfall zumindest der europäischen, seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg der Weltarbeitsteilung. Sie haben nichts mit besonderen Tugenden zu tun, sondern mit einer bestimmten Form der Spezialisierung – eben auf die Lieferung von aufgrund ihrer Qualität im Vergleich preiswerten Industriegütern. Historisch gab es zu dieser Spezialisierung keine wirkliche Alternative, da eine Konzentration auf Finanzdienstleistungen angesichts der britischen und amerikanischen Konkurrenz nicht möglich war und das französische Modell wegen unterschiedlicher historischer Bedingungen nicht kopierbar ist.

Werner Plumpe, Ökonomiekolumne. Exportweltmeister

 

Am 1. Januar 2014 hat David Gelernter im amerikanischen Magazin Commentary die Verteidigung der Subjektivität als real zum Zentrum eines fulminanten Essays mit dem Titel The Closing of the Scientific Mind gemacht. Unser Denken, unser Bewusstsein und unsere Empfindungen sind genauso real wie die objektive physikalische Welt, schreibt Gelernter. Das soll heißen, dass das Denken nicht nur aus Elementarteilchen und deren Wechselwirkungen besteht oder auf diese reduzierbar wäre, sondern etwas anderes ist, das neben diesen Teilchen steht. Oder anders gesagt: Die Gedanken über die Tatsachen bestehen mit demselben Recht wie die Tatsachen, über die wir nachdenken.

Cord Riechelmann, Neuer oder spekulativer Realismus

 

Oliver Janz dagegen schildert nicht nur, wie Frankreich und Großbritannien die Ressourcen ihrer kolonialen Imperien, die ein Viertel der damaligen Weltbevölkerung ausmachten, ökonomisch wie militärisch mobilisierten. Der Berliner Historiker führt darüber hinaus die kaum erinnerten Dimensionen dieser Mobilisierung vor Augen. So rekrutierte Frankreich 550.000 Mann in seinen Kolonien, von denen vier Fünftel in Europa eingesetzt wurden. Aus Indien stammten sogar 1,3 Millionen Soldaten, von denen 800.000 außerhalb des Subkontinents dienten. Weitere große Teile der britischen Truppen, die in Europa kämpften, hatten ihre Heimat in Australien, Neuseeland, Südafrika und Kanada. Sie stellten 1,2 Millionen Soldaten, von denen 900.000 in Europa zum Einsatz kamen.

Thomas Speckmann, Vom Unbekannten des Krieges

 

Wer Jahre wie 1914, 1945, 1968 oder 1989 aufbereitet, schwimmt in einem breiten Diskursstrom, der ihn auf die zentralen Begebenheiten zutreibt. Er begegnet seinen Quellen mit tausend Vorerwartungen, ist intellektuell weniger porös, weniger bereit, sich von Funden noch überraschen und leiten zu lassen. Sein Denken ist nicht wild, sondern zielgerichtet. Wer sich hingegen den abseitigen Jahren widmet, jenen Jahren, über die abgesehen von den Zeitgenossen noch kaum jemand etwas zu sagen hatte, ist freier, aus ihnen zu machen und herauszulesen (oft allerdings auch hineinzulesen), was ihm das Material aufdrängt.

Thomas Thiemeyer, Jahre am Rande der Zeit

 

Gesunde Träger eines genetischen Risikos sind nie schlicht gesund, sondern noch gesund oder noch nicht krank. Die »Abwesenheit von Krankheit«, das »Wohlbefinden«, das laut WHO-Definition die Gesundheit auszeichnet, trägt den Index der Vorläufigkeit. Anders als bei uns allen, die wissen, mit hoher Wahrscheinlichkeit im Lauf unseres Lebens an irgendeiner Krankheit zu erkranken, zeichnet sich das Selbstwissen von Risikoträgern durch die präzise Kenntnis um den Namen ihrer zukünftigen Krankheit, ihr pathologisches Profil und die Symptome aus, die schon bekannt sind, bevor die Krankheit leiblich erfahren wird.

Malte Dreyer/Jeanette Erdmann/Christoph Rehmann-Sutter, Sequenzen und Menschen

 

Modelle können die (wirtschaftliche) Realität nicht eins zu eins abbilden. Kein Modell vermag das. Aber das ist auch nicht seine Aufgabe. Modellbildung ist keine einfach mimetische, sondern eine schöpferische und darin durchaus der Kunst ähnliche Aktivität des Schaffens künstlicher Welten, die in anderen Medien – zum Beispiel mathematischen Gleichungen oder Grafiken – dargestellt werden. Modelle sind daher auch nicht einfach nur abstrakt. Sicher spielen Abstraktionen eine bedeutende Rolle im Modellbildungsprozess, aber sie sind längst nicht alles. Wir können Modelle auch völlig an der aktuell beobachtbaren Realität vorbei – oder gar bewusst gegen sie – entwerfen. Und dennoch haben sie eine heuristische Funktion: als Erwartungen.

Steffen Groß, »The Map Is not the Territory!«

 

Indikatoren sollen Leistungen messen und die Ziele, die die Politik setzt, mit den Mitteln, die der dezentral Handelnde einsetzt, in Übereinstimmung bringen. Die Wirkung des Indikators als Norm ist jedoch sehr unterschiedlich, je nachdem, ob man die Hochschule oder die Wissenschaftler vor Augen hat. Auf der Ebene der Hochschule – der Staat verhandelt mit der Leitung – sind Indikatoren statistische Größen, die für einen Vergleich mit benachbarten Hochschulen einigermaßen aussagekräftig sind. Man denke etwa an die Anzahl der Veröffentlichungen oder die Höhe der Drittmittel. Auf der Ebene des einzelnen Wissenschaftlers ist die Norm »möglichst viele Veröffentlichungen« eine Handlungsanweisung und führt zu unbeabsichtigten Wirkungen – auf Französisch heißt das »effets pervers«.

Joachim Nettelbeck, Sprache und Wissenschaftsverwaltung

 

Zur Zeit von Borchardts kleinem (und singulär bleibendem) Ausflug in die Welt Wilhelm Buschs war der populäre Humorist noch am Leben, auch wenn seine produktive Zeit längst hinter ihm lag. Busch starb erst 1908. Als die 1930 gegründete Wilhelm-Busch-Gesellschaft aus Anlass des dreißigsten Todestages 1938 einen Sammelband mit Bekenntnissen prominenter Verehrer zusammenstellte, beteiligte sich daran auch Gerhart Hauptmann mit anerkennenden, aber eher unspezifischen Worten über das »weltüberwindende Lachen« dieses »Klassikers deutschen Humors«.

Peter Sprengel, Affektabfuhr mit Wilhelm Busch

 

Ich übernachte altmodisch in einer Pension, in der ich schon ein paar Mal war und die mir in ihrer altertümlichen Spanienhaftigkeit gut gefällt. Die Pension erstreckt sich, wie bei Pensionen so üblich, über eine ganz Etage. Die Pensionswirtsfamilie bewohnt selber ein paar undefinierbare Etagenzimmer und fühlt sich wie zuhause. Es riecht immer nach Essen, und den ganzen Tag wird irgendwo der Steinboden mit einem chlorhaltigen Putzmittel nass aufgewischt. Ich mag spanisches Essen, chlorhaltige Putzmittel und die Rosemary´s-Baby- S timmung, wenn plötzlich aus dem Halbdunkel ein Pensionswirtsfamilienmitglied erscheint und »Hola qué tal« zu einem sagt. »Estupendo« sage ich und schließe mich unauffällig in meinem Pensionszimmer ein.

Stephan Herczeg, Journal (XII)


MERKUR Jahrgang 68, Heft 778, Heft 03, März 2014
95 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

András Bruck, Rasmus Althaus, Steven Weinberg, Heinrich Bosse, Simon Rothöhler, Werner Plumpe, Cord Riechelmann, Thomas Speckmann, Thomas Thiemeyer, Malte Dreyer, Jeanette Erdmann, Christoph Rehmann-Sutter, Steffen Groß, Joachim Nettelbeck, Peter Sprengel, Stephan Herczeg,


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