MERKUR

Heft 03 / März 2016

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Nach Waterloo ließ Blücher Militär vor dem Louvre aufmarschieren und setzte die Restitution der aus Preußen geraubten Kulturgüter mit militärischen Mitteln durch. Weil den italienischen Teilstaaten diese Option nicht zur Verfügung stand, blieben die meisten der von dort entführten Kulturgüter in Paris. Auch den Ländern des östlichen Mittelmeers stand diese Möglichkeit gegenüber den Museen und Galerien der europäischen Metropolen nicht offen, und in Anbetracht der Ikonoklasmen dieser Räume, von denen der des IS ja nur einer ist, möchte man retrospektiv fast sagen: So ist der Transfer von Kulturgütern, der mitunter an Raub grenzte, zuletzt doch zu deren Rettung geworden.

Herfried Münkler, Raub oder Rettung?


Die Herausgeber fragen in ihren Gebrauchshinweisen für den textkritischen Apparat: »Wie weit ist es sinnvoll und angemessen, einen Text wie Mein Kampf nach Maßstäben zu edieren, die in der Regel nur literarischen Texten vorbehalten sind? Erhält Hitlers Schrift damit nicht eine sprachliche, intellektuelle oder gar künstlerische Bedeutung, die sie in Wirklichkeit nie hatte?« Sie beruhigen sich damit, dass schon die textkritische Behandlung als solche, die Dokumentation von Varianten, »schließlich der Aura des Sakralen entgegenarbeitet, mit der die NS-Propaganda Hitlers Debüt als ›Schriftsteller‹ zu umgeben suchte«. Da aber gerade sakrale Texte in textkritischer Aufbereitung tradiert werden, geht diese Überlegung ins Leere.

Patrick Bahners, Zur kommentierten Edition von »Mein Kampf«


Das Modell und die Vorstellung dessen, was ein Kind sei, scheinen eine extrem kurze Halbwertzeit zu haben, was bedeutet: Jeder Erwachsene muss sich damit abfinden, dass seine Kindheit einer Revision unterzogen wird, oder anders gesagt, dass sich das Modell der eigenen Kindheit an die eigenen Kinder nicht tradieren lässt. So kommt es dazu, dass die jungen Erwachsenen, die um 1970 herum eine ganz neue Lebenspraxis etablierten, getragen von konkurrierenden Theorien und Ideologien, sich vierzig Jahre später dafür rechtfertigen sollen.

Ulf Erdmann Ziegler, Das schöne Kind ist nackt


Man kommt der Wahrheit wohl näher, wenn man die Verachtung für vermeintliches ästhetisches Versagen bei der Gestaltung des eigenen Wohnraums als eine Form von Ressentiment betrachtet. Dass es von den Betroffenen selbst nicht als solches empfunden wird, dürfte zum einen damit zu tun haben, dass es über lange Zeit eingeübt werden muss und damit früher oder später zur zweiten Natur wird. Zum anderen aber damit, dass sie im Zuge ihrer ästhetischen Sozialisation in aller Regel auch zur Überzeugung gelangt sind, die umgekehrte Gleichung »guter (sprich: der eigene) Geschmack gleich gute Gesinnung« gehe ebenso auf.

Christian Demand, Designkolumne. Moralische Anstalten


Die Prognostiker haben es mit einem komplexen, sich in ständiger Veränderung befindlichen Beobachtungsgegenstand zu tun. Der heutige »finanzialisierte« Kapitalismus ist äußerst dynamisch, mögliche Risiken sind oftmals kaum eindeutig zu bewerten. Bestimmte Konstellationen können zu einem ökonomischen Einbruch führen, müssen das aber keineswegs. Das führt dazu, dass sich Krisen sehr viel einfacher im Nachhinein erklären als voraussehen lassen. Und auch dann stellen sie ein schwieriges intellektuelles Problem dar: Über die Ursachen der Großen Depression beispielsweise streiten sich Ökonomen und Historiker bis heute.

Roman Köster, Prognosen. Ökonomiekolumne


Unter Ludwig war Versailles ein unwirtlicher Ort für jede Form des Lachens und Lächelns, die mehr war als verstockte Mimik. Baldesar Castigliones Buch vom Hofmann übte nach wie vor einen großen Einfluss aus und forderte von den Hofschranzen vor allem »Veredelung«. Geschlossene Münder wurden zum Zeichen von Überlegenheit. Wer aus voller Kehle lacht oder sich beim Lachen den Bauch hält, musste zum Geschmeiß gehören und wäre beim Karneval oder in Spelunken besser aufgehoben.

Jonathan Beckman, Die Revolution des Lächelns


In der deutschen Diskussion scheint das Gespür für die spannungsgeladene Zwillingsexistenz von Flüchtlingsschutz und Migrationskontrolle, auf der das internationale Recht beruht, verloren gegangen zu sein. Das liegt auch daran, dass dieses Recht keine einfachen, moralisch eindeutig bewertbaren Lösungen kennt. Migrationsrecht verteilt immer auch Lebensperspektiven, was in Fluchtsituationen bedeuten kann, dass die jeweilige staatliche Politik über Leben und Tod mitentscheidet. Es war ein Privileg der Nachkriegsgesellschaften, dass sie sich im hart erarbeiteten europäischen Wohlstands- und Friedensraum derartige Existenzfragen nicht stellen mussten... Mit der Flüchtlingskrise kehren diese Fragen jetzt allerdings zurück.

Daniel Thym, Universalismus und Flüchtlingsdebatte


Wenn also die Kanzlerin verkündet, dass man die 3000 Kilometer Grenze nicht schützen könne, so hat man es mit einer vorauseilenden Kapitulationserklärung zu tun, dem Eingeständnis, dass die Autochthonen nichts gegen die Politik des Himmels (wie man den entgrenzten, globalisierten Blick des Internetnutzers nennen kann) ausrichten können. Und zwar nicht, weil es unmöglich wäre, die Hoheit über die Staatsgrenzen wiederherzustellen, sondern weil es unmöglich ist, sich gegen die eigene Gedankenwelt zur Wehr zu setzen. 

Martin Burckhardt, Selfie mit Kanzlerin


Vor dem Erlass von Caracallas Edikt waren nur eine Minderheit der Bewohner des römischen Reichs tatsächlich auch römische Bürger. Diese Bewohner ohne Bürgerstatus wurden als alieni bezeichnet, und zwar entweder, soweit es um Einwohner von Roms Provinzen ging, als provinciali oder ansonsten als peregrini. Alle Einwohner des Reichs, die kein Bürgerrecht besaßen, waren dem Rechtssystem unterworfen, das in ihrem Gemeinwesen zum Zeitpunkt der Annexion oder Eingliederung in das imperium romanum in Kraft gewesen war.

Susanna Elm, Bürger und Fremde im Römischen Reich


Gastfreundschaft ist immer politisch, weil die Aufnahme von Fremden ein sensibler Akt ist, der die gemeinsame Welt verändert. Das erfahren alle, die sich für Flüchtlinge, Unterdrückte und Verfolgte einsetzen. Nicht Rührung oder Freude über einen Akt der Nächstenliebe, sondern elementarer Hass oder mindestens Ressentiment schlägt ihnen oft entgegen. Auf vergleichbare Reaktionen stößt man auch, wenn es um bestimmte nichtmenschliche Flüchtlinge geht. Naturschützer kennen die »difficult species«, die schwierigen Arten, mit denen man es nicht so leicht hat wie mit den Vögeln.

Jens Soentgen, Ökologie und Philoxenie


In der Flüchtlingskrise ist die Idee verpufft, sich offen als politische Kommission zu inszenieren. Juncker bevorzugt wieder die vertraute Unauffälligkeit (…) Am Anfang plante die Kommission eine starke Stellungnahme, in der Deutschland zur Öffnung der Grenzen gezwungen werden sollte. Dass Deutschland eine akute Notsituation hatte, wollte man gleichwohl anerkennen. Bei jedem neuen Telefonat gab es eine neue Interpretation, nach der Deutschlands Aktion irgendwie doch mit der Richtlinie in Einklang zu bringen sei. Bis heute hat es die Kommission nicht gewagt, klare Worte zu finden.

Remigius Bunia, Brüssel (III). Brüssel, kommissarisch, souverän


Annonciert war dieses Foto bei einem bekannten Online-Auktionshaus unter dem Titel »Soldaten sind stolz auf ihre Modellbauschiffe«, was durchaus nachvollziehbar erscheint. Neben einigen Besonderheiten von Frisur und Kleidung lässt insbesondere der gezackte Büttenrand des Fotos auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs schließen, da ein solcher Zierrand nur zwischen den 1930er und 1950er Jahren üblich war und ein Album mit der geprägten Aufschrift »Erinnerungen an meine Dienstzeit« in jenen Jahren fast unausweichlich vom Krieg handeln musste …

Harry Walter, Soldaten sind stolz auf ihre Modellbauschiffe


MERKUR Jahrgang 70, Heft 802, Heft 03, März 2016
104 Seiten, broschiert
ISSN: 0026-0096

Autoren in dieser Ausgabe

Herfried Münkler, Patrick Bahners, Ulf Erdmann Ziegler, Christian Demand, Roman Köster, Jonathan Beckman, Daniel Thym, Martin Burckhardt, Susanna Elm, Jens Soentgen, Remigius Bunia, Harry Walter,


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